Ausgabe 4.2014
Supervision macht Sinn

Sinnfragen sind einfach zu stellen, weil sie überall vorkommen; sie sind gleichzeitig schwierig zu beantworten, weil sie so allgemein, subjektiv und gelegentlich trivial sind. Das gilt auch für das Feld der Beratung und Supervision. Bekanntlich stellen immer mehr Ratsuchende Fragen nach der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit, ihres Handelns, ihres Lebens. Früher haben sich die Supervisoren für nicht zuständig erklärt.

Editorial

Die Sinnfrage –
nun auch in der Supervision

Sinnfragen sind einfach zu stellen, weil sie überall vorkommen; sie sind gleichzeitig schwierig zu beantworten, weil sie so allgemein, subjektiv und gelegentlich trivial sind.
Das gilt auch für das Feld der Beratung und Supervision. Bekanntlich stellen immer mehr Ratsuchende Fragen nach der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit, ihres Handelns, ihres Lebens.
Früher haben sich die Supervisoren für nicht zuständig erklärt mit der Begründung, dass jeder die Fragen nach der Sinnhaftigkeit seiner Existenz selbst beantworten muss, der Supervisor sei dafür kein Experte und wolle auch nicht im Sinne einer Glaubensrichtung oder sonstigen Erlösungshoffnung beraten. Dies sei die subjektive Entscheidung des Ratsuchenden, die er in seiner Konsequenz durchaus in der Supervision besprechen könne, aber die man ihm nicht durch Beratung abnehmen könne.

Da hat sich etwas geändert. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, nicht zuletzt die Relativierung oder gar der Ausfall sinngebender Institutionen wie z. B. Kirchen haben dazu geführt, dass gestellte, aber nicht oder nicht befriedigend beantwortete Sinnansprüche keine Antwort mehr erhalten. Auf die Kompensation solcher unbeantworteter Sinnfragen durch esoterische, skurrile und zweifelhafte spirituelle Bewegungen soll hier nur hingewiesen werden. Sie zeigen jedenfalls, dass unbeantwortete Sinnfragen auch beim Ausfall religiöser Institutionen oder bei unzureichend aufklärerischer Anstrengung weiterhin gestellt werden und eher Konjunktur erhalten.

Was tun also Supervisoren mit den Fragen, die sich aus unbefriedigenden Arbeitsverhältnissen, nicht gelingender Lebensgestaltung oder einer allgemeinen Unzufriedenheit über die gesellschaftlichen Bedingungen ergeben?
Es ist vielleicht gut, zunächst einmal festzuhalten, was trotz dieser Entwicklung auch künftig in den Beratungsstuben nicht getan werden sollte: Supervision ist kein Ort der Missionierung und Verkündigung irgendeiner Heilsbotschaft. Supervision ersetzt nicht eine gewünschte Befriedigung spiritueller oder religiöser Bedürfnisse und ist letztendlich auch nicht in der Lage, tiefer gehende Sinnkrisen zu bearbeiten.

Sie kann aber dazu dienen, die Sinnfragen des Ratsuchenden zu akzeptieren, sie zu verstehen, Empathie für das Sinndefizit zu entwickeln, deutlich werdende Problemverschiebungen aufzuzeigen und die tatsächliche Sinnfrage zu formulieren. Der Ratsuchende möchte gerade in den komplizierten Regionen zwischen Glaube und Vernunft ernst genommen werden (vgl. V. Gerhardt, S. 46).

Deshalb haben wir dieses Supervisionsheft gemacht, um Perspektiven zu eröffnen, in denen über die Sinnfrage in der Beratung gedacht, geredet und gehandelt werden könnte.
Michael Klessmann (S. 4) legt die Grundlage zum Diskurs, indem er die Frage beantwortet, inwieweit die Sinndimension in der Supervision bedeutsam ist. Er differenziert anthropologische Grundannahmen, die zeigen, dass die Sinnfrage schon immer in der Supervision vorhanden, vielleicht aber zu wenig reflektiert war. Grund genug, diese schwierige Diskussion zu führen, da ihre Praxis- und Marktrelevanz erst langsam deutlich wird.

In einer jüngst vorgelegten Dissertation an der Uni Oldenburg befasst sich Hannah Schulz (S. 14) mit der Frage, ob man eine Sinnkompetenz definieren kann, die sich für den Umgang und die Auseinandersetzung mit Sinnthemen in allen Lebensbereichen als nützlich erweist. Dann könnte Supervision nicht nur Sinnfragen bearbeiten, sondern eine Sinnkompetenz vermitteln. Ihre Darlegungen helfen dabei, den Sinnbegriff durch seine Differenzierung schärfer zu fassen und damit für den Diskurs handhabbar zu machen.

Winfried Münch (S. 18) muss die Sinndimension nicht als eine Perspektive supervisorischer Arbeit untersuchen, da er ­Supervison insgesamt als sinnstiftende Lebensform betrachtet. Mit dem Sprechen und dem Sprachspiel, das uns den Sinn eröffnet, sind ein Verstehens- und Erkenntnisprozess zur Sinnsuche verbunden. Unser supervisorisches Gespräch, unser Sprechen müssen Sinn erzeugen.

Die philosophische Sprechweise des Autors mag manchmal herausfordern, sie ist in jedem Fall wohltuend, da sie dem Begriff auf den Grund geht, ihn am Bild und Märchen illustriert und so auf ganz andere Weise pragmatisch wird.

Wenn Supervision an ihre Grenzen stößt, dann scheint die Sinnfrage zunächst einmal negativ beantwortet. Warum aber? Ohne das Scheitern durch die Hintertür als sinnvoll zu betrachten, ist es keinesfalls sinnlos. Der Beitrag von Inge Zimmer-Leinfelder/Franz X. Leinfelder (S. 25) regt an, dieser Frage nachzugehen und den Zusammenhang von Scheitern, Grenzerfahrung und Sinnhaftigkeit zu untersuchen. Sinnvoll ist es allemal bei soviel Erfolgsberichten über Beratung, etwas über ihre Grenzen zu lesen.

Der Feststellung, dass Werte Sinn stiften, kann man schnell zustimmen. Schwierig wird es, wenn man in der Praxis aufspüren will, wo Werte praxisbestimmend sind und dem Leben Sinn geben. Ferdinand Buer hat kürzlich in einem Beitrag für die OSC (1/2014) zehn richtungsweisende Werte formuliert, die seiner Beratung Sinn verliehen haben. Dazu stellt Wolfgang Weigand (S. 32) kritische Fragen an den Autor. Da sich Ferdinand Buer vom Publizieren verabschieden möchte, sind wir ihm besonders dankbar, dass er nochmals mit seinen Antworten eine Plattform zum Diskurs bietet.

Eine völlig andere Perspektive eröffnet Bernd Jansen (S. 35) zum Thema, indem er in einem sehr persönlichen und damit mutigen Rückblick die unterschiedlichen Erfahrungen, die er im Laufe von Ausbildung und kollegialer Auseinandersetzung mit seinen Supervisionslehrern und Kollegen gemacht hat, auf sehr beziehungsreiche Weise darstellt und berufsbiografisch ­reflektiert. Werteentwicklung wird dadurch zu einem konkreten und beziehungsdynamischen Thema, das nicht abstrakt und blutleer bleibt, sondern berührt und herausfordert.

Der Supervisor beginnt seine Arbeit am praktischen Fall, z. B. mit einem beruflichen Erfahrungsbericht von Josef Blaufuß (S. 41), der sein berufliches Leben in Institutionen nach seiner Sinnhaftigkeit befragt. Er tut dies persönlich, auf direkte Art und Weise und versucht, den Spagat zwischen Identifikation und Distanz zu Organisationen, in denen er arbeitete, durchzuhalten; so fällt es nicht schwer, sich mit ihm zu identifizieren und sich in vielen Erfahrungen, von denen er berichtet, wiederzufinden.

Wenn Organisation und Transzendenz in Verbindung gesetzt werden, weckt das Neugierde, zumal der Autor Eberhard ­Tiefensee (S. 48) philosophisch zu argumentieren vermag. ­Begründet er damit den Sinn von Organisationen? Es ist in jedem Fall erhellend, seinen Perspektivwechsel der Organisation mitzuvollziehen, da sie ja immer noch trotz vieler gegenteiliger Versuche als Behinderung professioneller Arbeit betrachtet wird.

Vergnüglich ist es, in den „Markierungen“ zu lesen: Wir brauchen Schuhe, Nudeln, Betten und selbst gewählte Tätigkeiten. Aber brauchen wir Arbeit?, oder: Wie Thomas Vogl den Sinn für Arbeit in Frage stellt.

Unter „Erlebte Literatur“ gibt es einen Text von Gasdanow, in dem Gott um Hilfe gebeten wird, die Sinnfrage nicht zu stellen.

Insgesamt haben Sie, liebe Leser, also ein Heft vor sich, das offensichtlich Sinn hat, der bisweilen nicht erkennbar ist, in jedem Fall umstritten und der nicht nur Gegenstand von Salongesprächen, sondern des supervisorischen Diskurses, noch mehr zum Gegenstand der Supervision selbst werden sollte.

Wolfgang Weigand, Winfried Münch

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Michael Klessmann
Die Sinndimension in der Supervision

Hannah Anita Schulz    
Sinnkompetenz durch Supervision

Winfried Münch
Supervision als sinnstiftende Lebensform

Inge Zimmer-Leinfelder und Franz X. Leinfelder
Wenn Supervision an ihre Grenzen stößt …

aus: H. D. Hüsch: Das Schwere leicht gesagt
Der Sinn des Lebens

Interview mit Ferdinand Buer
Beratung macht Sinn, wenn sie sich an richtungsweisenden Werten orientiert

Bernd Jansen    
Werteentwicklung

Josef Blaufuß  
Sinnvoll in Institutionen überleben?

Der Sinn als Brücke zwischen Glaube und Vernunft

Eberhard Tiefensee
Wo eröffnet sich in Organisationen Transzendenz?

Markierungen
Thomas Vogl
Haben Sie einen Sinn für Arbeit?

Erlebte Literatur
„Und Gott bewahre dich vor dem ­Gedanken, wieso du das alles machst“    
Gaito Gasdanow: Ein Abend bei Claire

Rezension
Dirk Bayas-Linke
Rudolf Wimmer/Katrin Glatzel/Tania Lickeweg (Hg.):
Beratung im Dritten Modus
Die Kunst, Komplexität zu nutzen

supervision 4.2014
Supervision macht Sinn

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