Vorschau:
„Utopie“ ist das Thema von supervision 3.2016

supervision 3-2016 "Utopie"

Ein Leben ohne Utopien ist, frei nach Viktor von Bülow (Loriot), möglich aber sinnlos. Oder etwas ernsthafter: „Wenn die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus“ – das hat Jürgen Habermas bereits in seiner inzwischen klassischen Zeitdiagnose von 1985 konzediert, um sogleich darauf zu verweisen, dass die „utopischen Energien“ ausgegangen seien. Die Redaktion schreibt in ihrem Editorial: „Wir hoffen, dass das Heft Sie inspiriert, selbst mal wieder über den utopischen Gehalt oder konkrete Utopien in ihrer supervisorischen Praxis nachzudenken.“

Es erwarten Sie unter anderem folgende Beiträge:

  • Stefan Brunnhuber: Die Psychologie der Transformation
  • Oskar Negt: Aktualität der Utopie
  • Christine Morgenroth: Utopieverlust als supervisorisches Dilemma
  • Torsten Weber: Paradies plus Schlange – von Utopisten, Realisten und Supervisoren
  • Beate Mitzscherlich: Utopie Heimat – Realität Heim?

Aktuelle Ausgabe: „Wohin soll das führen?“
(supervision 2.2016)

cover supervision 2.2016

Die aktuelle Ausgabe von supervision beschäftigt sich mit neuen Anforderungen an Führungskräfte und ihre Berater_innen. Aus dem Führungsalltag berichten Autor_innen wie Susanne Holzbauer, Carl Otto Velmerig, Karl Schattenhofer und Cornelia Edding. Rudolf Wimmer wirft einen wissenschaftlichen Blick auf die Führung im Spannungsfeld von Traditionen, Entwicklungen und Erkenntnissen. „Die Haltung entscheidet. Neue Führungspraxis für eine digitale Welt“ ist ein Beitrag überschrieben, der von einem Autoren-Team (Markus Baumann, Christina Bidmon, Philine Erfurt Sandhu, Tobias Leipprand, Oliver Triebel) vorgestellt wird. Welches Angebot Beraterinnen und Berater Führungskräften machen können, diskutiert der Beitrag „Was haben wir zu bieten?“. Weitere Beiträge: „Auch wenn es rund geht: immer eine Hand frei haben …“ von Paul Bomke und Bernhard Koelber. „Die Fingerspitzen des Supervisors“ diskutiert Thomas Vogl.

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Inhalte dieses Heftes beziehen sich auf die TOPS-Tage1 2015, deren Tagungsthema gleich lautete wie der Titel dieses Heftes. Wie kam es zu diesem Tagungsthema? Da wir uns unsicher waren, ob das Thema Führung denn auf Interesse stoßen würde und mindestens ein anderes interessantes Thema anstand, starteten wir eine Umfrage unter den früheren Teilnehmenden und TOPS-Freunden: Führung wurde ganz nach vorn gewählt. Das hat uns überrascht, damit hatten wir nicht gerechnet.

In der weiteren Beschäftigung mit dem Thema stellte sich heraus, dass auch andere Veranstalter Tagungen zu dem Thema vorbereiteten: Inscape veranstaltete seinen Coa­ching-Kongress im Februar 2015 zum Thema Führung, die Zeitschrift Managerseminare ebenso, und die Fachhochschule Nordwestschweiz stellte ihre traditionelle Tagung im Februar 2016 unter das Thema „Führung unter Ungewissheit“.

Führung scheint also (wieder) gefragt zu sein, nicht nur als Thema einer Tagung, sondern auch im betrieblichen Alltag. In unsicheren Umwelten, in denen sich Organisationen heute behaupten müssen, ist Führung gefragt. Die Führungskräfte sollen die Sache richten, wenn alles unübersichtlich, widersprüchlich und chaotisch wird. Aus all den Widersprüchen, Gegensätzen und Paradoxien, die in das Arbeitsleben und die Arbeitsorganisationen eingelagert sind, entstehen neue Anforderungen. Alle landen schlussendlich bei den Führungskräften, sie sollen die immer widersprüchlicher werdenden Interessen unter einen Hut bringen und alles ausbalancieren. Gerade die mittleren Führungskräfte, bei denen die Gegensätze in der Regel aufeinanderstoßen. Von ihnen ist in diesem Heft vor allem die Rede. Als Anforderungen an Führungskräfte werden genannt:

Wohin soll das führen? Wohin soll man da führen? Schließlich soll ja auch fachliche Arbeit erledigt werden, jenseits dieser ganzen zusätzlichen Aufgaben und Spannungen, die zu bewältigen sind.

„Bei seiner Verabschiedung hat einer meiner Mitarbeiter die Situation so beschrieben: Früher drehte sich in der Arbeit das Karussell der Veränderungen so langsam oder so schnell, dass man mit beiden Beinen sicher stehen und mit den Händen arbeiten konnte. Dann wurde es schneller, und man musste sich schon mit einer Hand festhalten, um nicht hinunterzufallen, heute geht es nur noch mit beiden Händen“ (nach P. Bomke und B. Koelber, in diesem Heft).

Für jede dieser „neuen“ Anforderungen gibt es natürlich Beratungs-, Unterstützungs- Fortbildungsangebote, Führungskonzepte, Managementkonzepte, Tools, die bei der Bewältigung helfen sollen, und man kann sich Führungskräfte vorstellen, die vollkommen damit beschäftigt sind, Veranstaltungen zu ihrer Qualifizierung zu besuchen mit Themen wie:

Alle Begriffe und Konzepte sind exemplarisch dem Buch „Zukunft der Führung“, das von Sven Grote 2012 herausgegeben wurde, entnommen. Auch die Beratungs- und Trainingszunft sorgten somit für die zunehmend anspruchsvolle Aufgabe, bei all diesen Angeboten zwischen fachlich fundierten Konzepten und Marketingschlagworten zu unterscheiden und sich für das Passende, das Notwendige, das Mögliche … zu entscheiden.

So haben auch wir als Berater_innen und Supervi­sor_innen viel mit dem Thema Führung und mit Führungskräften bzw. deren Mitarbeiter_innen zu tun. Das Thema ist in jede arbeitsbezogene Beratung eingewoben, ob man das nun berücksichtigt oder nicht. Die Beiträge im Heft sollen über den Stand der Diskussion informieren, dabei helfen, die vielen Konzepte und Rezepte einzuordnen und zu bewerten, und dazu einladen, neu über das Thema Führung nachzudenken. Was sind neue Anforderungen im heutigen Führungsalltag, und wie reagieren wir als Berater_innen und Trainer_innen darauf?

Das Heft ist folgendermaßen aufgebaut:

Am Anfang stehen vier kürzere Beiträge mit verschiedenen Beobachtungen zu den „neuen Anforderungen“ an Führungskräfte: Carl Otto Velmerig liefert Stichworte zum Thema Flexibilisierung und Beschleunigung; Susanne Holzbauer beschreibt und hinterfragt die Stichworte Partizipation und Demokratisierung; Karl Schattenhofer beobachtet anhand von zwei Praxisbeispielen einen Trend, Führung als Dienstleistung anzusehen und einzufordern; Cornelia Edding proklamiert unter dem Titel „Führungsfrauen führen“ die (neue) Anforderung, Frauen in Führungspositionen zu bringen und sie dort zu halten.

Eine systematische Annäherung an das Thema macht Rudolf Wimmer unter dem Thema: „Der wissenschaftliche Blick auf die Führung: Traditionen, Entwicklungen, Erkenntnisse“ Das Verständnis von Führung hat sich in den letzten 40 Jahren stark verändert und erweitert. So wird heute z. B. selbstverständlich zwischen Management und Leadership unterschieden, zwischen einem Verständnis, das die Führungskraft als Person in den Blick nimmt, und einem Verständnis, das Führung als Funktion der Organisation ansieht. Der Beitrag lädt dazu ein, die eigene Auffassung von Führung in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Relativ praktisch wird es im Beitrag von Markus Baumanns, Christina Bidmon, Philine Erfurt Sandhu, Tobias Leipprand und Oliver M. Triebel. Sie stellen unter dem Titel „Die Haltung entscheidet. Neue Führungspraxis für eine digitale Welt“ die Ergebnisse einer Befragung von 31 Spitzenführungskräften vor. Anhand von acht „Schlüssel“-Anforderungen an Führungskräfte, nach denen sie die Interview­ergebnisse zusammengefasst haben, zeigen sie dazu passende Haltungen und Vorgehensweisen auf, der wachsenden Überforderung standzuhalten. Auch Coaching kommt dort als Hilfe zur eigenen Orientierung vor und der Vorschlag, den Blick (auch) nach innen zu richten.

Margarete Gerber-Velmerig hat in den letzten 30 Jahren viele Programme der Qualifizierung von Führungskräften in verschiedenen Sektoren entwickelt und durchgeführt. Anhand ihrer eigenen Praxis schildert sie, über welche Etappen sich die Qualifizierungsangebote weiterentwickelt haben und welchen Herausforderungen sich die Beraterzunft aus ihrer Sicht stellen muss.

Nicht nur einzelne Führungskräfte, sondern die Unternehmen und Organisationen insgesamt müssen sich den neuen Anforderungen stellen. Paul Bomke ist der Geschäftsführer und Bernhard Koelber der Verantwortliche für Personal- und Organisationsentwicklung des Pfalzklinikums, eines großen Klinikverbunds. Sie berichten von den Wegen, die ihre Organisation in den letzten 15 Jahren bei der Qualifizierung von Führungskräften eingeschlagen hat. Zugleich sind ihre Maßnahmen ein Beispiel für die enge Verknüpfung von Personalentwicklung und Organisationsentwicklung.

Carl Otto Velmerig hat eine aktuelle Auswahl der Literatur zum Thema Führung zusammengestellt.

Für einen interessanten Abschluss des Heftes sorgt Thomas Vogl mit einem Beitrag, dessen Titel schon zur Lektüre einlädt: „Die Fingerspitzen des Supervisors – Überlegungen zum Verständnis der Empathie“.

Wir bedanken uns bei allen Autorinnen und Autoren, die dieses Heft ermöglicht haben, besonders aber bei Mirjam Weigand von der Redaktion der Zeitschrift für die sorgfältige Betreuung der Arbeit an dieser Ausgabe und die gute Zusammenarbeit.

Karl Schattenhofer, Carl Otto Velmerig

Inhaltsverzeichnis


Editorial

Skizzen aus dem Führungsalltag:

  • Susanne Holzbauer
    Führung und Partizipation
  • Carl Otto Velmerig
    Flexibilisierung und ­Beschleunigung verändern Arbeits- und Führungsprozesse
  • Karl Schattenhofer
    Führung als Dienstleistung
  • Cornelia Edding
    Führungsfrauen führen

 

Rudolf Wimmer
Der wissenschaftliche Blick auf die Führung:
Traditionen, Entwicklungen, Erkenntnisse

Markus Baumanns, Christina Bidmon, Philine Erfurt Sandhu, Tobias Leipprand, Oliver M. Triebel
Die Haltung entscheidet. Neue Führungspraxis für eine digitale Welt

Margarete Gerber-Velmerig
Was haben wir zu bieten?
Herausforderungen für die Beraterzunft bei der Qualifizierung von Führungskräften

Paul Bomke, Bernhard Koelber
Auch wenn es rund geht: immer eine Hand frei haben …
Führungskräfteentwicklung im Pfalzklinikum

Literatur und Medien zum Thema

Freier Beitrag
Thomas Vogl
Die Fingerspitzen des Supervisors
Überlegungen zum Verständnis der Empathie

Erlebte Literatur
Andreas Nolten
„Alles Private ist Diebstahl“ – Dave Eggers – The Circle

Rezension
Jennifer Ackermann
Heidi Möller und Ronja Müller-Kalkstein (Hg.)
Gender und Beratung

Impressum

supervision 2.2016
Führung

Stückpreis: 12,50 EUR
(inkl. 7,00% MwSt. und zzgl. Versandkosten)

Doppelausgabe „Das Fremde“

supervision 4/2015 1/2016 "Das Fremde"

Diese Ausgabe von „supervision“ beschäftigt sich mit dem Fremden. Autorinnen und Autoren wie Peter Altvater, Elisabeth Rohr, Matthias Hirsch, Theresia Volk und Thomas Auchter behandeln u.a. folgende Themen:

  • Der Supervisor als Fremder. Überlegungen zur sozialen Position des Supervisors und zu Möglchkeiten und Grenzen des Verstehens im Supervisionsprozessen
  • Das sozial Unbewusste in der Supervision des Fremden: Erfahrungen in Südafrika, in Guatemala und in Ramallah/Westbank
  • Das Fremde – innen und außen
  • In der Fremde des Profits. Der Gang in ein fremdes Feld ist ein Wagnis und verändert
  • Das Fremde zwischen Neu-Gier und Neu-Angst. Psychoanalytische und psychosoziale Aspekte

Bitte beachten Sie: Es handelt sich um eine Doppelausgabe.

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Planungen zum vorliegenden Themenheft: „Das Fremde“ sind etwa zwei Jahre alt. Die Überlegungen, die wir seinerzeit angestellt haben, zielten darauf, der Vielschichtigkeit von Fremdheitsgefühlen in Supervisionsprozessen nachzuspüren. Dabei hatten wir nicht ausschließlich Erfahrungen mit ethnischer Fremdheit im Blick. Vielmehr war die Überlegung, Erfahrungen mit vielfältigen Formen von Fremdheit in Supervisionsprozessen zu reflektieren – wie z. B. Unbehagen im Kontakt mit Mitgliedern anderer sozialer Milieus, Unverständnis über besondere kulturelle Muster in Organisationen oder auch auftretende Irritationen dem anderen Geschlecht gegenüber. Im Zentrum der Beiträge des Heftes sollten die vier thematischen Bereiche: fremdes Feld/fremde Milieus, inneres Ausland, Möglichkeiten und Grenzen des Verstehens sowie Entfremdung durch Organisationen stehen. Dabei sollten die folgenden Fragen bearbeitet werden: Wie kann Verstehen von Fremdheit gelingen, wenn sich Supervisor_innen in für sie fremde Welten vorwagen? Also beispielsweise in Gewerkschaften, in ­Kirchen, in Vorstandsetagen von Unternehmen, in Parteien, in Unternehmen, in reine Männer-/Frauenteams, in andere Kulturen. Mit welchen fremden Themen, Deutungsmustern, Alltagsregeln und Habitusformen sind sie dort konfrontiert? Welche Erfahrungen mit Fremdheit machen sie? Was steht dem Verstehen im Wege? Was haben sie verstanden? Oder: Was hat dazu geführt, dass es nicht zum wechselseitigen ­Verstehen gekommen ist, dass die Supervision misslungen ist?

Während wir das Heft planten und mit möglichen Autor_innen sprachen, kamen die Flüchtlinge. Zu Beginn des Jahres zunächst nur wenige, dann immer mehr. Zum Jahresende 2015 sollten etwa eine Million Menschen vor Krieg, ­Verfolgung und Armut in die Bundesrepublik geflohen sein. Seitdem wird von „Flüchtlingskrise“ (Spiegel), von „Flüchtlingszustrom“ (Handelsblatt), in rechten Gazetten auch von „Flüchtlingsschwemme“ gesprochen. Aber auch uns, den Redaktionsmitgliedern dieses Heftes, fällt es schwer, angemessene Formulierungen zur Beschreibung des Phänomens zu finden, die nicht schon eine tendenziöse Bezeichnung darstellen.

Die Anzahl der Flüchtlinge hat viele überrascht. Andere hingegen waren überrascht, dass erst jetzt so viele Flüchtlinge zu uns kommen. Wer die Lebenssituation in anderen Teilen der Welt, die noch nicht einmal Krisenregionen sein müssen, ernsthaft betrachtet, den kann die Vielzahl der Flüchtlinge, die vor allem Sicherheit und Lebensperspektiven erhoffen, nicht wundern. Dies vermuten sie vor allem in Europa, besonders in Schweden und der Bundesrepublik. Während das freie und ungehinderte Zirkulieren von Kapital und Waren in dieser Welt als selbstverständlich gilt, erschrecken viele vor der Mobilität von Menschen, die Wertschöpfung bewerkstelligen und daran teilhaben wollen.

Die Mehrzahl der Menschen kommt aus den syrischen und irakischen Kriegsgebieten. Viele von ihnen sind traumatisiert – vom Kriegsgeschehen selbst oder den Erfahrungen auf der Flucht. Die bundesrepublikanische Gesellschaft hat sehr unterschiedlich auf die Ankunft dieser hohen Zahl von Flüchtlingen reagiert: Einerseits zeigen das vielfältige Engagement von Ehrenamtlichen und der Umgang mit den Bedarfslisten von Notunterkünften, dass das zivilisatorische Grundmuster unserer Gesellschaft funktioniert. Andererseits sind wir aber auch mit massiv fremdenfeindlichen Reaktionen konfrontiert, die von Pegida, über die AfD bis zur CSU reichen und die offen das verfassungsrechtlich verankerte Grundrecht auf Asyl infrage stellen. Die Vielzahl von Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte in diesem Jahr weckt Erinnerungen. Erinnerungen an die Asyldebatte zu Beginn der 90er-Jahre und die vielen gewalttätigen Übergriffe und mörderischen Brandanschläge (Rostock, Mölln, Solingen) auf Fremde. Allerdings mit einem Unterschied: Während seinerzeit weite Teile der politischen Klasse die fremdenfeindliche Stimmung in der Bundesrepublik mitgetragen, ja in Wahlkämpfen sogar instrumentell eingesetzt haben und in der Bundesrepublik keinesfalls eine Einwanderungsgesellschaft sehen wollten, scheint der zivilisatorische Konsens auch nach den Ereignissen von Köln noch zu tragen, wenngleich das Eis recht dünn zu sein scheint.

Aber: Dass die Bundesrepublik eine Einwanderungsgesellschaft geworden ist, steht außer Zweifel. Gleichwohl wissen wir noch nicht, was das eigentlich bedeutet. Wie wird sich das Leben in dieser Gesellschaft verändern? Was können, was müssen wir tun, um den zivilisatorischen Kitt unseres Gemeinwesens zu stärken? Die Forderungen nach Integration, nach Spracherwerb, nach Anerkennung unserer Grundwerte durch die Flüchtlinge mögen verständlich sein. Allein, dies ist noch kein Konzept für eine Einwanderungsgesellschaft. An einem solchen wird zu arbeiten sein. Dies ist nicht nur Aufgabe des Staates, sondern auch die Zivilgesellschaft und damit das bürgerschaftliche Engagement müssen ihren Teil dazu beitragen, dass wir auch in Zukunft in einer Gesellschaft leben, in der die Grundwerte von Freiheit, Gleichheit, Solidarität und gesellschaftlicher Teilhabe gelebt und geachtet und nicht von Dogmatikern und Extremisten jedweder Couleur ausgehöhlt werden. Hier könnten wir uns orientieren u. a. an John Maynard Keynes, jenem Ökonomen, der in den 30er-Jahren vor dem Hintergrund der fehlenden Integration der englischen Arbeiterklasse um die Stabilität der britischen Demokratie fürchtete. Für ihn war die materielle Teilhabe das zentrale Instrument der Integration breiter Schichten in die Gesellschaft, die auch zu einer Loyalität den demokratischen Grundwerten gegenüber geführt hat. Oder an Richard Rorty, für den Vernunft kein Vermögen des Einzelnen ist, sondern als gesellschaftliches Prinzip das „Bevorzugen der Rede statt der Gewaltanwendung“.

Nun zu den Texten des Heftes. Peter Altvater arbeitet aus der Soziologie und Sozialpsychologie des Fremden jene Aspekte heraus, in denen Parallelen zwischen der sozialen Position des Fremden und des Supervisors augenfällig sind. Er fragt nach Möglichkeiten und Grenzen des Verstehens in Supervisionsprozessen und beim Umgang mit Fremdheitsgefühlen. Neben der Gegenübertragungsanalyse bietet sich hierfür seiner Auffassung nach die sozialwissenschaftlich-philosophische Hermeneutik für ein tieferes Verstehen des Geschehens in Supervisionsprozessen und zu einer Differenzierung von Eigenem und Fremdem an.

Auch bei Elisabeth Rohr steht das Fremdverstehen im Zentrum des Artikels. Ihre Erkenntnisfolie ist eine stärker psychosozial orientierte Psychoanalyse, mit deren Hilfe sie versucht, leidvolle Realitäten in fremdkulturellen Zusammenhängen zu verstehen. Dabei geht sie davon aus, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse vielfach kein Bewusstsein mehr vom Leid erlauben. Stattdessen habe sich das Leid in die Welt der Fantasie und der Träume zurückgezogen, in Bereiche also, aus denen kein bewusster Einspruch gegen die Ordnung mehr vordringen kann. Anhand dreier Fallbeispiele aus ihrer vielfältigen internationalen Erfahrung bei der Ausbildung von Supervisor_innen in Südafrika, Guatemala und Ramallah arbeitet sie die Rolle ihrer eigenen kulturellen Fremdheit auf und zeigt, wie Supervision in der Lage ist, Erkenntnisse über gesellschaftlich unbewusste Sinnzusammenhänge zu erschließen.

Mathias Hirsch geht vom freudschen Gedanken aus, dass wir uns alle selbst fremd sind und es deshalb nottut, die Fremdheit in uns selbst aufzuspüren. Er setzt das Fremde in uns mit dem Fremden außerhalb von uns in Verbindung, und es gelingt ihm dadurch, das Individuelle mit dem Politischen an sehr illustrativen Beispielen in Korrespondenz zu bringen.

Über Fremdheitserfahrungen in einem gänzlich anderen Feld berichtet Theresia Volk (In der Fremde des Profits). In der Debatte, ob Supervision und Coaching dasselbe sein dürfen, spiegeln sich für sie die Angst vor dem fremden Feld und die Sorge, sich darin zu verändern. Dabei werde doch zuallererst der Coachee von Fremdheitsgefühlen befallen, da die Subthemen in der Supervision – Szenen, Phänomene, Muster – so gar nicht mit dem Bild von rationaler Zielorientierung zusammenpassen wollen. Theresia Volk fordert auf, sich in diesem Feld beunruhigen zu lassen, denn die Annäherung an das Fremde beunruhige das Eigene, sie fordert auf, ins Risiko zu gehen, auch wenn man nicht wisse, wann „der Tiger um die Ecke komme“. Und sie verweist auf die Anfangszeit, in der die Supervision eine extrem mutige Angelegenheit war, deren Erkenntnisse sich nicht durch Resonanz, sondern auf der Grundlage von Differenz weiterentwickelt ha­ben. Dieses Maximum an Differenz biete nun einmal das Fremde.

Gerhard Leuschner, ein Doyen der Supervision, verbindet persönliche Geschichte und reflektierte Praxis mit einem Vorschlag an den Berufs- und Fachverband DGSv, ein Projekt zu starten, in dem Supervisoren in Flüchtlingsunterkünften Selbstorganisationsprozesse begleiten. „Wie kann es möglich werden, eine Flucht oder eine Vertreibung im Gefühl umzuwandeln in eine selbstentschiedene Trennung und ein Sichabfinden mit der Realität?“

Thomas Auchter, der sich wohl am längsten von unseren Autoren mit dem Fremden auseinandersetzt, zentriert seinen Beitrag um die Angst, die durch das Fremde mobilisiert wird. Die drei Grundbedürfnisse des Menschen (Sicherheit, Anerkennung, Bindung) erzeugen in der Konfrontation mit dem Fremden die Angst, diese Grundbedürfnisse nicht mehr befriedigen zu können.

Angesicht der Fremdheit eröffnet Tamara Musfeld mit der supervisorischen Perspektive einen Konflikt zwischen Professionalität und politischer Identität. Die Ziele der Organisation reiben sich an den Zielen der Supervision und umgekehrt. Was vorhanden ist, ist unmöglich, aber was verändert werden soll, eben auch. Der Ausweg aus diesem Dilemma liegt weder in der wechselseitigen Abwertung noch in ihrer Idealisierung.
Yvo Kühn und Eike-Christian Reinfelder nehmen Unterschiede in der Gesellschaftsentwicklung des christlich-abendländischen Westens und der islamischen Welt zum Anlass, um die Wirkungsmacht des Korans auf die Alltagsorientierungen der Menschen auszuleuchten. Als zentrale Deutungsbasis der islamischen Welt machen sie die auf einer göttlich-väterlichen Autorität basierende paternalistische Gesellschaftsordnung aus. Diese dominiere und präge das soziale Zusammenleben der Menschen bis auf die Ebene der familialen Strukturen.

Ein Blick in die Praxis wird durch die Sozialarbeiterin und Supervisorin Andrea Stroet im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe und von der Kinderärztin Renate Schüssler in der ehrenamtlichen medizinischen Versorgungsarbeit in Berlin ermöglicht. Beide Beispiele zeigen, wie politische Diskussionen und reale Versorgungsarbeit meilenweit auseinanderliegen.

Katharina Witte berichtet aus einem Strauß von Erfahrungen, Beobachtungen und Gefühlen heraus – sowohl bei sich als auch bei den Menschen, mit denen sie arbeitet. Sie stellt das Verstehen von Fremdheit in der Supervision in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Anhand dreier Fallbeispiele, die zwischen Abwehr und Verschmelzung pendeln, betont sie die Notwendigkeit einer eigenen Position in Begegnung mit dem Fremden.

In der ständigen Rubrik „Erlebte Literatur“ nähert sich Bernd Kleimann dem Klassiker von Albert Camus: Der Fremde. Er interpretiert die in den 30er-Jahren spielende Erzählung als Manifestation von Camus’ philosophischer ­Position der Absurdität des Daseins und dessen Kompositionsprinzips. Camus forme den Protagonisten Meursault zu einem radikal Fremden, zu einem verstörenden Anti-Subjekt, der alle Anforderungen, die wir ganz selbstverständlich an Akteure in der modernen Gesellschaft richten, radikal enttäusche.

Und schließlich rezensiert Michael Faßnacht einen Sammelband, der zu Anlass des 125. Geburtstags von Kurt Lewin erschienen ist und der die Wirkungsgeschichte seiner Forschungsarbeiten nachzeichnet, die aus mehr als nur der Feldtheorie besteht.

Wenn nun mit diesem Heft und den darin enthaltenen Aufsätzen die ein oder andere weiter oben aufgeworfene Frage präziser gestellt, gesellschaftliche Rahmenbedin­gungen genauer ausgeleuchtet und psychische Verfasstheiten besser verstanden werden können, so hat aus der Sicht der Verantwortlichen dieses Heft seinen Anspruch erfüllt. Beantworten können dies allerdings nur Sie, liebe Leser_innen.

Peter Altvater und Wolfgang Weigand

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Wolfgang Weigand
Flüchtige Gedanken

Peter Altvater
Der Supervisor als Fremder
Überlegungen zur sozialen Position des Supervisors und zu ­ Möglichkeiten und Grenzen des Verstehens in Supervisionsprozessen

Elisabeth Rohr
Das sozial Unbewusste in der Supervision des Fremden
Erfahrungen in Südafrika, in Guatemala und in Ramallah/Westbank

Mathias Hirsch
Das Fremde – innen und außen

Theresia Volk
In der Fremde des Profits
Der Gang in ein fremdes Feld ist ein Wagnis und verändert

Gerhard Leuschner
Einfühlung in das Fremde

Thomas Auchter
Das „Fremde“ zwischen Neu-Gier und Neu-Angst
Psychoanalytische und psychosoziale Aspekte

Winfried Münch – dem Philosophen und Supervisor zum 80. Geburtstag

Tamara Musfeld
„Diese Haltung ist mir unheimlich fremd!“
Konflikte zwischen Professionalität und politischer Identität in der Supervision

Yvo Kühn, Eike-Christian Reinfelder
Entfremdungsprozesse
Chancen und Erkenntnisräume supervisorischer Arbeit mit fremden Kulturen am Beispiel des Islams

Blick in die Praxis
Andrea Stroet
Umgang mit dem fremden Kind
Ein Praxisbericht sozialer Arbeit

Interview mit Renate Schüssler
Medizinische Versorgung

Katharina Witte
Von der Notwendigkeit des Fremden für das Selbst
Über die fließenden Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden

Literatur zum Thema

Erlebte Literatur
Bernd Kleimann
Das Anti-Subjekt: Camus’ Erzählung Der Fremde wiedergelesen

Markierungen
Wolfgang Weigand
Können wir das schaffen?

Freier Beitrag
Jutta Heppekausen
Szenisches Arbeiten am szenischen Verstehen
Nicht bewusste Handlungsgründe und gesellschaftliche Zusammenhänge

Rezension
Michael Faßnacht
Klaus Antons/Monika Stützle-Hebel (Hg.) Feldkräfte im Hier und Jetzt

Impressum

supervision 4.2015 1.2016
Das Fremde

Stückpreis: 24,00 EUR
(inkl. 7,00% MwSt. und zzgl. Versandkosten)