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„Utopie“ ist das Thema von supervision 3.2016

supervision 3-2016 "Utopie"

Ein Leben ohne Utopien ist, frei nach Viktor von Bülow (Loriot), möglich aber sinnlos. Oder etwas ernsthafter: „Wenn die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus“ – das hat Jürgen Habermas bereits in seiner inzwischen klassischen Zeitdiagnose von 1985 konzediert, um sogleich darauf zu verweisen, dass die „utopischen Energien“ ausgegangen seien. Die Redaktion schreibt in ihrem Editorial: „Wir hoffen, dass das Heft Sie inspiriert, selbst mal wieder über den utopischen Gehalt oder konkrete Utopien in ihrer supervisorischen Praxis nachzudenken.“

Editorial

Ein Leben ohne Utopien ist, frei nach Viktor von Bülow (Loriot), möglich aber sinnlos. Oder etwas ernsthafter: „Wenn die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus“ – das hat Jürgen Habermas bereits in seiner inzwischen klassischen Zeitdiagnose von 1985 konzediert, um sogleich darauf zu verweisen, dass die „utopischen Energien“ ausgegangen seien. Der Befund fällt heute vermutlich nicht anders, vielleicht eher noch drastischer aus – in seiner ganzen Ambivalenz.

Utopien verweisen bekanntlich auf den noch nicht betretenen Ort (Utopia – griechisch: Nicht-Örtlichkeit). Sie stehen in Spannung zum gesellschaftlichen wie persönlichen Alltag, der pragmatischen Unmittelbarkeit des Hier und Jetzt und künden – als positive Utopien – vom besseren und guten Leben. Oder sie sind als negative Utopien (Dystopien) Drohszenarien vom (noch) schlechteren Leben oder gar dessen apokalyptischer Auslöschung.

Die Menschheitsgeschichte liest sich als eine Abfolge von utopischen Entwürfen, religiösen Heilsversprechen und ideologischen Idealkonstruktionen von Mensch und Gesellschaft. Sie haben das irdische Leben und den Alltag der Menschen Jahrhunderte lang in Haftung genommen und in Bann geschlagen. Das 20. Jahrhundert hat die großen Utopien endgültig diskreditiert und verschlissen, weil sie statt verheißenem Glück und versprochener Erlösung Leid, Repression, Abhängigkeit und Vernichtung gebracht haben. Das angebrochene 21. Jahrhundert startete so eher „utopie-verdrossen“ und schien kaum noch in der Lage, mehr als nur eine desillusionierte und ironische Beziehung Utopien gegenüber zu entwickeln. Das scheint sich vor unseren Augen gerade zu ändern.

Gegenwärtig sind wir Zeuge und Beteiligte einer Renaissance dessen, was Ernst Bloch „konkrete Utopien“ genannt hat. Es gibt viele konkrete bürgerschaftliche wie auch alternativ wirtschaftliche Initiativen von Menschen, die das Hier und Jetzt mit den großen Themen der Menschheit gerade im 21. Jahrhundert – Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Partizipation – zu verbinden suchen und hierbei die ökonomischen, ökologischen, politischen und sozialen Dimension des eigenen Tuns im Blick haben. Dabei geht es nicht allein darum, das „Große und Ganze“ zu entwerfen, sondern über „kleine Utopien“ nachzudenken und diese auch zu leben. Hierbei entstehen durchaus konkurrierende und auch sich ausschließende Entwürfe vom besseren Leben, die, wenn sie lebbar sein wollen, nach einer Klammer für alle, im Kern also wieder nach einer gesellschaftlichen Utopie verlangen – soll die Utopie des einen nicht die Dystopie des anderen werden. Wie nah dies beieinander liegen kann, macht uns die aktuelle Flüchtlingskrise tagtäglich deutlich. Hier zeigt sich, dass die Ideen vom guten und besseren Leben nicht nur aufeinanderprallen sondern auch Ein- und Ausschlusspraxen nach sich ziehen: Wer gehört dazu, wer soll dazu gehören? Ein Frage, die ohne einen utopischen Entwurf für alle nicht beantwortbar ist.

Über diese grundlegenden Fragen hinaus haben wir einer Reihe von Autor_innen die Frage gestellt, was das alles mit Supervision zu tun hat und ob es einen utopischen Gehalt oder Bedarf in Supervisionen gibt. Unseres Erachtens gehört(e) ein emanzipatorischer und aufklärerischer Impetus (einst) zur Kernidentität von Supervision, die ohne eine wenigstens latente Idee einer besseren bzw. guten gesellschaftlichen Praxis nicht auskommen kann. Nun zeigt sich dies in Supervisionen niemals direkt, sondern immer vermittelt über Fragen nach einer besseren bzw. professionelleren Ausübung einer Rolle, nach der besseren und guten Arbeit im Team, nach einer besser funktionierenden Organisation, nach effektiveren Dienstleistungen für Klient_innen und Kund_innen, nach einer achtsameren Selbstsorge der Mitarbeiter, nach einer kompetenteren Leitung etc. Aber sind das utopieaffine und -haltige Fragen, weil in ihnen ein ‚Noch-nicht‘ oder ‚Noch-besser‘ enthalten ist? Wohl nicht zwangsläufig, da sie durchaus und geradezu in jene Wüsten von Banalität und Ratlosigkeit führen können, in denen es nur darum geht, sich im Unmittelbaren einzurichten und nur nach dem naheliegend Besseren als dem weniger Schlechten zu suchen. Oder kann, darf und muss es auch um das Aufspüren von verborgenen Springquellen von sinnhaltiger Utopie und utopischem Gegensinn gehen? Kann Supervision so selbst eine „utopische Oase“ gegen das Austrocknen und Verkommen in der Banalität arbeitsweltlicher Praxis sein, weil Supervision ohne „Vision von“ gar nicht möglich ist?

Wir hoffen, dass das Heft Sie inspiriert, selbst mal wieder über den utopischen Gehalt oder konkrete Utopien in ihrer supervisorischen Praxis nachzudenken und wünschen Ihnen eine gute Lektüre.

Inhaltsverzeichnis


Editorial

Stefan Brunnhuber
Die Psychologie der Transformation

Oskar Negt
Aktualität der Utopie

Rolf Schmucker
„Gute Arbeit“ als konkrete Utopie

Rainer Zech
Die Utopie der Beratung: Gutes Gelingen

Christine Morgenroth
Utopieverlust als supervisorisches Dilemma

Jan Lohl
„Ohne Angst mit Autorität umgehen“.
Supervision, Utopie und Politik in Interviews mit älteren Supervisor_innen

Torsten Weber
Paradies plus Schlange – von Utopisten, Realisten und Supervisoren

Beate Mitzscherlich
Utopie Heimat – Realität Heim?
Supervision in sozialpsychiatrischen Arbeitsfeldern als Arbeit am Prinzip Hoffnung
Freier Beitrag

Anja Appel
Beratungsformate und -anlässe in Nichtregierungsorganisationen –
Ansätze für Supervision und Coaching am Beispiel entwicklungspolitischer Organisationen in Österreich

supervision 3.2016
Utopie

Stückpreis: 12,50 EUR
(inkl. 7,00% MwSt. und zzgl. Versandkosten)

„Wohin soll das führen?“
(supervision 2.2016)

cover supervision 2.2016

Die aktuelle Ausgabe von supervision beschäftigt sich mit neuen Anforderungen an Führungskräfte und ihre Berater_innen. Aus dem Führungsalltag berichten Autor_innen wie Susanne Holzbauer, Carl Otto Velmerig, Karl Schattenhofer und Cornelia Edding. Rudolf Wimmer wirft einen wissenschaftlichen Blick auf die Führung im Spannungsfeld von Traditionen, Entwicklungen und Erkenntnissen. „Die Haltung entscheidet. Neue Führungspraxis für eine digitale Welt“ ist ein Beitrag überschrieben, der von einem Autoren-Team (Markus Baumann, Christina Bidmon, Philine Erfurt Sandhu, Tobias Leipprand, Oliver Triebel) vorgestellt wird. Welches Angebot Beraterinnen und Berater Führungskräften machen können, diskutiert der Beitrag „Was haben wir zu bieten?“. Weitere Beiträge: „Auch wenn es rund geht: immer eine Hand frei haben …“ von Paul Bomke und Bernhard Koelber. „Die Fingerspitzen des Supervisors“ diskutiert Thomas Vogl.

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Inhalte dieses Heftes beziehen sich auf die TOPS-Tage1 2015, deren Tagungsthema gleich lautete wie der Titel dieses Heftes. Wie kam es zu diesem Tagungsthema? Da wir uns unsicher waren, ob das Thema Führung denn auf Interesse stoßen würde und mindestens ein anderes interessantes Thema anstand, starteten wir eine Umfrage unter den früheren Teilnehmenden und TOPS-Freunden: Führung wurde ganz nach vorn gewählt. Das hat uns überrascht, damit hatten wir nicht gerechnet.

In der weiteren Beschäftigung mit dem Thema stellte sich heraus, dass auch andere Veranstalter Tagungen zu dem Thema vorbereiteten: Inscape veranstaltete seinen Coa­ching-Kongress im Februar 2015 zum Thema Führung, die Zeitschrift Managerseminare ebenso, und die Fachhochschule Nordwestschweiz stellte ihre traditionelle Tagung im Februar 2016 unter das Thema „Führung unter Ungewissheit“.

Führung scheint also (wieder) gefragt zu sein, nicht nur als Thema einer Tagung, sondern auch im betrieblichen Alltag. In unsicheren Umwelten, in denen sich Organisationen heute behaupten müssen, ist Führung gefragt. Die Führungskräfte sollen die Sache richten, wenn alles unübersichtlich, widersprüchlich und chaotisch wird. Aus all den Widersprüchen, Gegensätzen und Paradoxien, die in das Arbeitsleben und die Arbeitsorganisationen eingelagert sind, entstehen neue Anforderungen. Alle landen schlussendlich bei den Führungskräften, sie sollen die immer widersprüchlicher werdenden Interessen unter einen Hut bringen und alles ausbalancieren. Gerade die mittleren Führungskräfte, bei denen die Gegensätze in der Regel aufeinanderstoßen. Von ihnen ist in diesem Heft vor allem die Rede. Als Anforderungen an Führungskräfte werden genannt:

Wohin soll das führen? Wohin soll man da führen? Schließlich soll ja auch fachliche Arbeit erledigt werden, jenseits dieser ganzen zusätzlichen Aufgaben und Spannungen, die zu bewältigen sind.

„Bei seiner Verabschiedung hat einer meiner Mitarbeiter die Situation so beschrieben: Früher drehte sich in der Arbeit das Karussell der Veränderungen so langsam oder so schnell, dass man mit beiden Beinen sicher stehen und mit den Händen arbeiten konnte. Dann wurde es schneller, und man musste sich schon mit einer Hand festhalten, um nicht hinunterzufallen, heute geht es nur noch mit beiden Händen“ (nach P. Bomke und B. Koelber, in diesem Heft).

Für jede dieser „neuen“ Anforderungen gibt es natürlich Beratungs-, Unterstützungs- Fortbildungsangebote, Führungskonzepte, Managementkonzepte, Tools, die bei der Bewältigung helfen sollen, und man kann sich Führungskräfte vorstellen, die vollkommen damit beschäftigt sind, Veranstaltungen zu ihrer Qualifizierung zu besuchen mit Themen wie:

Alle Begriffe und Konzepte sind exemplarisch dem Buch „Zukunft der Führung“, das von Sven Grote 2012 herausgegeben wurde, entnommen. Auch die Beratungs- und Trainingszunft sorgten somit für die zunehmend anspruchsvolle Aufgabe, bei all diesen Angeboten zwischen fachlich fundierten Konzepten und Marketingschlagworten zu unterscheiden und sich für das Passende, das Notwendige, das Mögliche … zu entscheiden.

So haben auch wir als Berater_innen und Supervi­sor_innen viel mit dem Thema Führung und mit Führungskräften bzw. deren Mitarbeiter_innen zu tun. Das Thema ist in jede arbeitsbezogene Beratung eingewoben, ob man das nun berücksichtigt oder nicht. Die Beiträge im Heft sollen über den Stand der Diskussion informieren, dabei helfen, die vielen Konzepte und Rezepte einzuordnen und zu bewerten, und dazu einladen, neu über das Thema Führung nachzudenken. Was sind neue Anforderungen im heutigen Führungsalltag, und wie reagieren wir als Berater_innen und Trainer_innen darauf?

Das Heft ist folgendermaßen aufgebaut:

Am Anfang stehen vier kürzere Beiträge mit verschiedenen Beobachtungen zu den „neuen Anforderungen“ an Führungskräfte: Carl Otto Velmerig liefert Stichworte zum Thema Flexibilisierung und Beschleunigung; Susanne Holzbauer beschreibt und hinterfragt die Stichworte Partizipation und Demokratisierung; Karl Schattenhofer beobachtet anhand von zwei Praxisbeispielen einen Trend, Führung als Dienstleistung anzusehen und einzufordern; Cornelia Edding proklamiert unter dem Titel „Führungsfrauen führen“ die (neue) Anforderung, Frauen in Führungspositionen zu bringen und sie dort zu halten.

Eine systematische Annäherung an das Thema macht Rudolf Wimmer unter dem Thema: „Der wissenschaftliche Blick auf die Führung: Traditionen, Entwicklungen, Erkenntnisse“ Das Verständnis von Führung hat sich in den letzten 40 Jahren stark verändert und erweitert. So wird heute z. B. selbstverständlich zwischen Management und Leadership unterschieden, zwischen einem Verständnis, das die Führungskraft als Person in den Blick nimmt, und einem Verständnis, das Führung als Funktion der Organisation ansieht. Der Beitrag lädt dazu ein, die eigene Auffassung von Führung in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Relativ praktisch wird es im Beitrag von Markus Baumanns, Christina Bidmon, Philine Erfurt Sandhu, Tobias Leipprand und Oliver M. Triebel. Sie stellen unter dem Titel „Die Haltung entscheidet. Neue Führungspraxis für eine digitale Welt“ die Ergebnisse einer Befragung von 31 Spitzenführungskräften vor. Anhand von acht „Schlüssel“-Anforderungen an Führungskräfte, nach denen sie die Interview­ergebnisse zusammengefasst haben, zeigen sie dazu passende Haltungen und Vorgehensweisen auf, der wachsenden Überforderung standzuhalten. Auch Coaching kommt dort als Hilfe zur eigenen Orientierung vor und der Vorschlag, den Blick (auch) nach innen zu richten.

Margarete Gerber-Velmerig hat in den letzten 30 Jahren viele Programme der Qualifizierung von Führungskräften in verschiedenen Sektoren entwickelt und durchgeführt. Anhand ihrer eigenen Praxis schildert sie, über welche Etappen sich die Qualifizierungsangebote weiterentwickelt haben und welchen Herausforderungen sich die Beraterzunft aus ihrer Sicht stellen muss.

Nicht nur einzelne Führungskräfte, sondern die Unternehmen und Organisationen insgesamt müssen sich den neuen Anforderungen stellen. Paul Bomke ist der Geschäftsführer und Bernhard Koelber der Verantwortliche für Personal- und Organisationsentwicklung des Pfalzklinikums, eines großen Klinikverbunds. Sie berichten von den Wegen, die ihre Organisation in den letzten 15 Jahren bei der Qualifizierung von Führungskräften eingeschlagen hat. Zugleich sind ihre Maßnahmen ein Beispiel für die enge Verknüpfung von Personalentwicklung und Organisationsentwicklung.

Carl Otto Velmerig hat eine aktuelle Auswahl der Literatur zum Thema Führung zusammengestellt.

Für einen interessanten Abschluss des Heftes sorgt Thomas Vogl mit einem Beitrag, dessen Titel schon zur Lektüre einlädt: „Die Fingerspitzen des Supervisors – Überlegungen zum Verständnis der Empathie“.

Wir bedanken uns bei allen Autorinnen und Autoren, die dieses Heft ermöglicht haben, besonders aber bei Mirjam Weigand von der Redaktion der Zeitschrift für die sorgfältige Betreuung der Arbeit an dieser Ausgabe und die gute Zusammenarbeit.

Karl Schattenhofer, Carl Otto Velmerig

Inhaltsverzeichnis


Editorial

Skizzen aus dem Führungsalltag:

  • Susanne Holzbauer
    Führung und Partizipation
  • Carl Otto Velmerig
    Flexibilisierung und ­Beschleunigung verändern Arbeits- und Führungsprozesse
  • Karl Schattenhofer
    Führung als Dienstleistung
  • Cornelia Edding
    Führungsfrauen führen

 

Rudolf Wimmer
Der wissenschaftliche Blick auf die Führung:
Traditionen, Entwicklungen, Erkenntnisse

Markus Baumanns, Christina Bidmon, Philine Erfurt Sandhu, Tobias Leipprand, Oliver M. Triebel
Die Haltung entscheidet. Neue Führungspraxis für eine digitale Welt

Margarete Gerber-Velmerig
Was haben wir zu bieten?
Herausforderungen für die Beraterzunft bei der Qualifizierung von Führungskräften

Paul Bomke, Bernhard Koelber
Auch wenn es rund geht: immer eine Hand frei haben …
Führungskräfteentwicklung im Pfalzklinikum

Literatur und Medien zum Thema

Freier Beitrag
Thomas Vogl
Die Fingerspitzen des Supervisors
Überlegungen zum Verständnis der Empathie

Erlebte Literatur
Andreas Nolten
„Alles Private ist Diebstahl“ – Dave Eggers – The Circle

Rezension
Jennifer Ackermann
Heidi Möller und Ronja Müller-Kalkstein (Hg.)
Gender und Beratung

Impressum

supervision 2.2016
Führung

Stückpreis: 12,50 EUR
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