Ausgabe 1.2017
Schwierige Operationen

Das Heft geht in begrifflich-theoretischer Hinsicht der Frage nach, was psychoanalytisch orientierte Supervision und Organisationsberatung im Kern ausmacht. Gleichzeitig zeigen „ungeschminkte“ Fallbeispiele, wie sich psychoanalytisch orientierte Supervision und Organisationsberatung praktisch realisiert und wie schwierig und alles andere als geradlinig und „erfolgssicher“ psychoanalytisch orientierte Arbeit im organisationalen Kontext ist.

Editorial


Liebe Leserin, lieber Leser!

Wir machen hier ja keine Therapie“, betont der Bereichsleiter eines Krankenhauses während einer Supervisionssitzung des Leitungsteams. „Stimmt“, sagen wir.

Schließlich geht es im Organisationsberatungsprozess nicht um die Bewältigung einer psychischen Erkrankung. Vielmehr hat psychoanalytisch fundierte Organisationsberatung eine Organisation oder zumindest Teile davon zum Klienten. Sie arbeitet mit Rollenträgern, die die Organisation mehr oder weniger stark repräsentieren und die zur Bewältigung organisationsspezifischer arbeitsweltlicher Problemstellungen Beratung anfragen.

In der Beratungspraxis zeigt sich freilich regelmäßig, dass die Grenzen zwischen Therapie und Beratung fließend sind. Die Fähigkeit eines Rollenträgers, eine herausfordernde Situation, einen Konflikt oder eine Krise konstruktiv zu bewältigen, ist aus psychoanalytischer Perspektive eng mit dessen lebensgeschichtlichen Erfahrungen und seiner Persönlichkeit verknüpft. Vor diesem Hintergrund zählt es zu den beraterischen Kernaufgaben, Selbstreflexion zwischen Person und Organisation systematisch zu fördern und dabei auftretende Widerstände vorsichtig anzusprechen. Dazu bedarf es neben einer belastbaren Beratungsbeziehung viel „Fingerspitzengefühls“. Dies umso mehr, je höher die hierarchische Position des Rollenträgers in der Organisation angesiedelt ist. Gleichzeitig gilt es selbstredend, die Primäraufgabe der Organisation und damit immer auch rational-ökonomische Interessen im Blick zu behalten. Das eine zu tun, ohne das andere zu lassen sind unserer Erfahrung nach nicht selten „schwierige Operationen“.

Psychoanalytisch fundierte Beratung im organisationalen Kontext nimmt latente Dynamiken in den Blick und fragt ebenso nach deren Nutzen wie nach deren Kosten. Sie setzt da an, wo sich gute Vorsätze an der Praxis brechen. Weder trainiert sie ihre Klienten, noch stellt sie ihnen das x-te Gelingensmodell vor. Vielmehr macht sie besprechbar, was nicht im Fokus der Aufmerksamkeit liegt oder nicht besprechbar scheint, aber in den organisationalen Fokus rücken und besprochen werden müsste. Sie begleitet ihre Klienten im Prozess der „Selbstverständigung“ und unterstützt sie damit, Nebenkriegsschauplätze zu verlassen und sich wieder der Sache der Organisation – sei dies etwa Autos zu produzieren, Software zu entwickeln, Kranke zu heilen oder Schüler zu unterrichten – zuzuwenden. Das Kapital psychoanalytisch fundierter Beratung im organisationalen Kontext bildet dabei nicht mehr und nicht weniger als das Bewusstsein für die Existenz des Bewussten wie des Unbewussten.

Diese Position scheint uns sowohl unter Beratern, insbesondere psychoanalytisch orientierten Kollegen, als auch auf der Seite der Klienten alles andere als selbstverständlich. Das Verhältnis von Psychoanalyse und Organisation selbst scheint eine „schwierige Operation“. Was ist das spezifisch Psychoanalytische im arbeitsweltlichen Kontext? Macht ­Psychoanalyse nicht Angst und sollte es daher nicht besser psychodynamisch heißen? Was ist das Unbewusste der Organisation? Kann sich die psychoanalytische Position überhaupt konstruktiv mit Organisationen und damit immer auch mit Macht auseinandersetzen?

Wir meinen: Ja! Unserer Erfahrung nach sind Klienten nach dem Erstkontakt mit der psychoanalytischen Haltung sowie deren Erschließungs- und Lösungskapazitäten bezüglich arbeitsweltlicher Problemstellungen begeistert. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund braucht sich die Psychoanalyse nicht zu verstecken. Die in diesem Heft gesammelten Beiträge fragen in unterschiedlicher Akzentuierung nach dem spezifisch Psychoanalytischen einer psychoanalytisch fundierten Beratung zu arbeits- und organisationsbezogenen Problemstellungen. Neben grundlegenden Überlegungen zum Verhältnis von Psychoanalyse und Organisation liegt dabei das Augenmerk auf der Vorstellung und Reflexion psychoanalytisch orientierter Beratungspraxis. Wir hoffen, das Heft trägt dazu bei, Psychoanalyse und Organisation zukünftig noch stärker zusammenzudenken.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre und freuen uns auf den Diskurs.

Ronny Jahn und Andreas Nolten

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Rudolf Wimmer, Thomas Giernalczyk, Mathias Lohmer, Ross A. Lazar, Ronny Jahn, Andreas Nolten
Betreff: Organisationsberatung.
E-Mail-Diskurs zur Frage psychoanalytischer /  systemtheoretischer Beratung von Organisationen

Thomas Loer
Welten der Latenz in Organisationen – ein Aufriss

Ronny Jahn, Andreas Nolten
Diplomaten im Dienste der Organisation
Psychoanalytisch orientierte Überlegungen zur Beratung von Organisationen

Thomas Kühn
Supervision und Organisationsberatung im Lichte Erich Fromms

Beate West-Leuer, Eva-Maria Lewkowicz
„Nüsse knacken, einen Apfel schälen, Mineralwasser eingießen“
Management-Coaching in Zeiten des Wandels

Wolfgang Weigand
Sichtbare wie unsichtbare Stolpersteine in der Organisationsberatung

Marga Löwer-Hirsch    
Das Regelwerk ist die Reflexionsfähigkeit
Ein Fall von psychodynamisch fundierter Beratung

Andreas Hamburger
Psychoanalytische Supervision im Feld: Fallorientierte Teamsupervision in der stationären Jugendhilfe

Beate Pauluth-Cassel
Die Angst in der Gruppe
Wilfred Bions Konzept der Gruppendynamik im Kontext von Organisationsberatung

Mathias Lohmer, Carla Albrecht, Martin Engelberg, Thomas Giernalczyk
Fragebogen zu psychodynamischen Führungsstilen (FPS)
Ein Instrument für Leitungssupervision

Freier Beitrag
Renate Schwarz
Embodiment und leibliche Kommunikation in der Beratung

Markierungen
Kai H. Kuljurgis
Aus dem Leben eines zunehmend psychodynamisch arbeitenden Managementberaters

Sascha Langewand    
Mit leisen Schritten auf lauten Wegen der Angst begegnen
Supervision im ­Rettungsdienst

Rezension
Ronny Jahn    
Thomas Sattelberger/Isabell Welpe/Andreas Boes (Hg.)
Das Demokratische ­Unternehmen

 

supervision 1.2017
Schwierige Operationen

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