Ausgaben 2017

Ausgabe 4.2017
Arbeit und Gesundheit? Fragen Sie Ihren Coach oder Supervisor

„Arbeit und Gesundheit? Fragen Sie Ihren Coach oder Supervisor“ – unser Heft versucht, Ihnen einen Überblick über die Themenvielfalt zu geben, die derzeit mit gesundheitsrelevanten Fragen in Organisationen verbunden sind. Dabei schlagen die Autorinnen und Autoren immer wieder die Brücke zur Supervision als wirksamem Instrument der Prävention und Gesundheitsförderung. Ihr Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zu allen anderen Beratungsformen ist die Fähigkeit, zwischen den Verhältnissen innerhalb der Organisation und dem Verhalten der Mitglieder „oszillieren“ zu können. Gleichzeitig muss Supervision aufpassen, sich nicht vereinnahmen zu lassen und den zunehmenden Prozess der „Privatisierung“ von Gesundheit kritiklos zu begleiten.

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Gesundheit boomt: kaum ein Lebensbereich, der davon unberührt ist. Die Gesundheitswirtschaft ist ein Konjunkturmotor, der in den vergangenen Jahren schneller gewachsen ist als die Gesamtwirtschaft. Auf dem Arbeitsmarkt verzeichnen die sozialen Dienstleistungen in den letzten Jahren die größten Zuwächse und liegen aktuell etwa bei zehn Millionen Beschäftigten.

Weiterhin bekommt Gesundheit in unserer Gesellschaft einen immer höheren Stellenwert. Kaum eine Umfrage zum Thema, in der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht erklären, dass ihnen Gesundheit das Wichtigste sei.

Und schließlich ist Gesundheit auch ein politisches und volkswirtschaftliches Thema. Schon lange beschäftigt Industriegesellschaften die Frage, wie die Ausgaben für Gesundheit begrenzt werden können.

Kein Wunder also, dass das Thema Gesundheit auch vor Organisationen nicht haltmacht. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sind durch den Gesetzgeber angehalten, in Zusammenarbeit mit den Krankenkassen die Entstehung von Krankheiten zu vermeiden und die Gesundheit zu fördern. Gleichzeitig scheinen aus der Sicht der Organisationen verstärkte Aktivitäten in diesem Feld wirtschaftlich zu rechtfertigen und damit deren Fortbestand und Entwicklung zu fördern. Und nicht zuletzt fordern die Beschäftigten und die Gewerkschaften gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen.

Unser Heft versucht, Ihnen einen Überblick über die Themenvielfalt zu geben, die derzeit mit gesundheitsrelevanten Fragen in Organisationen verbunden sind. Dabei schlagen die Autorinnen und Autoren immer wieder die Brücke zur Supervision als wirksamem Instrument der Prävention und Gesundheitsförderung. Ihr Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zu allen anderen Beratungsformen ist die Fähigkeit, zwischen den Verhältnissen innerhalb der Organisation und dem Verhalten der Mitglieder „oszillieren“ zu können. Gleichzeitig muss Supervision aufpassen, sich nicht vereinnahmen zu lassen und den zunehmenden Prozess der „Privatisierung“ von Gesundheit kritiklos zu begleiten.

Wolfgang Hien liefert einen Überblick über den epidemiologischen Erkenntnisstand zum Zusammenhang von arbeitsbedingten psychischen Belastungen und chronischen Krankheiten sowie deren wesentliche Auslöser. Ein besonderes Augenmerk gilt der Frage, wie eine gelingende Wiedereingliederung Genesender bzw. chronisch Erkrankter gelingen kann und welchen Beitrag Supervision dazu leisten kann.

Ewald Krainz befasst sich mit den Ursachen für Belastungen, die vom sozialen Gebilde „Organisation“ ausgehen können. Dabei geht er der Frage nach, was Gruppen und Teams sowie Führungskräfte dem entgegensetzen können und welchen Beitrag die Organisationssupervision leisten kann.

Andrea Sanz, Kornelia Steinhardt und Verena Tatra beschreiben, vor welche Herausforderungen Führungskräfte im Umgang mit psychischen Belastungen und Erkrankungen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gestellt werden. Dabei gehen sie der Frage nach, ob Handbücher und Leit­fäden ein geeignetes Instrument zur Krisenbewältigung sind.

Thomas Kretschmar und Moritz Senarclens de Grancy setzen sich mit den Ursachen, der Bedeutung und der Wirkung von Krankheitssymptomen am Arbeitsplatz aus psychoanalytischer Perspektive auseinander. Sie plädieren für eine präventive Gesundheitsförderung, die den unerfüllten und möglicherweise unbewussten Wünschen und Begehren Einzelner und Gruppen Raum gibt.

In unserem Interview mit Karl Lauterbach, dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion, haben wir über den Vorschlag einer Antistressverordnung und das Präventionsgesetz gesprochen. Wir wollten insbesondere wissen, welche Beiträge die Politik aus Sicht von Herrn Lauterbach zum Thema Gesundheit in Organisationen leisten kann und soll.

In der Praxis und im wissenschaftlichen Diskurs werden die Begriffe Betriebliches Gesundheitsmanagement und Betriebliche Gesundheitsförderung nicht immer trennscharf verwendet. Andreas Nolten skizziert in seinem Beitrag die Entstehung und die Grundstruktur von BGM-Konzepten.

Unbestritten ist die gesundheitsförderliche Wirkung von Supervision. Ronny Jahn, Andreas Nolten und Mirjam ­Weigand setzen sich damit auseinander, wie es der Profession gelingen kann, von Organisationen als kompetenter Ansprechpartner bei den zugehörigen Fragestellungen wahrgenommen zu werden.

Wir hoffen, die Auswahl der Themen knüpft an Ihre Beratungspraxis an und gibt Ihnen Anstöße für die Reflexion der eigenen Arbeit sowie Argumentationshilfen bei Ihren Klientinnen und Klienten. Gleichzeitig wünschen wir uns, dass die Supervision als Beratungsform bei Fragen der Gesundheitsförderung für Organisationen sichtbarer wird. Welche Erfahrungen machen Sie in den Organisationen, die Sie beraten? Wie sind gespannt auf Ihre Berichte.

Andreas Nolten und Mirjam Weigand

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Wolfgang Hien
Psychische Arbeitsbelastungen tragen erheblich zu chronischen Erkrankungen bei –
Darstellung des wissenschaftlichen Erkenntnisstandes

Aktuelle Studie:
Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz   

Ewald E. Krainz
Organisation als Gesundheitsrisiko

Andrea Sanz, Kornelia Steinhardt, Verena Tatra
Der leidige Umgang mit dem Leid von Mitarbeiter_innen
Ein kritischer Erfahrungsbericht über den Boom von Handbüchern für Führungskräfte im Umgang mit psychischen Krisen von Mitarbeiter_innen

Thomas Kretschmar, Moritz Senarclens de Grancy
Mit dem Symptom leben lernen
Betriebliche Gesundheitsförderung und die Funktionslogik von Krankheitszeichen (AT)

Andreas Nolten
Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) – Modeerscheinung oder Erfolgskonzept?

Andreas Nolten, Mirjam Weigand
Wissenschaftliche Hypothesen zu Kontextbedingungen in der Arbeitswelt

Interview mit Karl Lauterbach
„Der Arbeitsplatz ist kein Ponyhof.“
Zu zukünftigen politischen Herausforderungen im Bereich Gesundheit

Ronny Jahn, Andreas Nolten, Mirjam Weigand
Supervision: Königsweg für Prävention und ­Gesundheitsförderung

Markierungen
Martin Johnsson
Gar nicht krank ist auch nicht gesund
… und warum das Betriebliche Gesundheitsmanagement auf der Grundlage des Arbeitsschutzgesetzes in der Tradition der bismarckschen Sozialgesetzgebung steht.

Erlebte Literatur
Wolfgang Weigand
Innen oder außen krank
zu: Hiob, Altes Testament, und Ingeborg Bachmann, Male oscuro

Rezension  
Susanne Graf-Deserno
Katharina Gröning, Anne-Christin Kunstmann, Cornelia ­Neumann (Hg.): Geschlechtersensible Beratung. Traditions­linien und praktische Ansätze

supervision 4.2017
Arbeit und Gesundheit?

Stückpreis: 17,90 EUR
(inkl. 7,00% MwSt. und zzgl. Versandkosten)

Ausgabe 3.2017
It's about how! Strategie

Was hat Supervision denn mit Strategie zu tun? Strategie, das kann ja alles und nichts bedeuten. Vielleicht denken Sie sich jetzt: „Nein, bitte nicht schon wieder ein Heft zu einem dieser inhaltsleeren Managementbegriffe!“ Oder Sie freuen sich auf das Thema, weil Sie sich möglicherweise schon öfter gedacht haben, dass Strategie nicht völlig fremd ist für das Geschäft der Supervision. Ganz im Gegenteil, hat Strategie sogar mehr damit zu tun, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

It’s about HOW.

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Was hat Supervision denn mit Strategie zu tun? Strategie, das kann ja alles und nichts bedeuten. Vielleicht denken Sie sich jetzt: „Nein, bitte nicht schon wieder ein Heft zu einem dieser inhaltsleeren Managementbegriffe!“ Oder Sie freuen sich auf das Thema, weil Sie sich möglicherweise schon öfter gedacht haben, dass Strategie nicht völlig fremd ist für das Geschäft der Supervision. Ganz im Gegenteil, hat Strategie sogar mehr damit zu tun, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

It’s about HOW.

Strategie ist jedenfalls ein schillerndes Wort, ein Begriff, der rasch mit großen Gefühlen aufgeladen wird – je nach persönlichen Perspektiven und Erfahrungen mit positiven oder negativen Emotionen. Strategie ist faszinierend. Es ist von jeher eine der spannendsten Fragen im Zusammenhang mit unternehmerischer und organisatorischer Entwicklung: Welche Strategie brauchen wir, um erfolgreich zu sein? Wie kommen wir zu einer angemessenen Strategie? Und wie schaffen wir es, eine kluge Strategie auch in die Tat umzusetzen? Strategie kann aber auch so richtig abstoßend sein. Unzählige Strategieworkshops, unbrauchbare Strategiekonzepte, viele leere Kilometer, die mit viel Aufwand und Enttäuschungen ohne nennenswerte Ergebnisse zurückgelegt werden – ganz abgesehen von all den Entlassungswellen, die mit strategischen Notwendigkeiten begründet werden, obwohl es um die Durchsetzung ganz anderer Interessen geht. Strategie ist ein Kernthema in der Welt der Organisationen. Wer mit Führungsaufgaben betraut ist, egal auf welcher Funktionsebene, hat regelmäßig mit Strategie zu tun. Es ist kein Privileg von Management und Beratung oder gar begrenzt auf Wirtschaft. Die Kunst der Strategie wird in ­vielen Gesellschaftsbereichen ausgeübt – mit höchster ­Leidenschaft und Profession wie beispielsweise im Sport, in der Forschung, im gemeinnützigen Sektor und in vielen anderen Bereichen.

Mit diesem Heft wollen wir Ihnen eine Gelegenheit eröffnen, sich vertrauter zu machen mit verschiedenen Überlegungen, Zugängen, Methoden und Instrumenten der Strategiearbeit. Die Beiträge befassen sich mit dem Thema vor allem aus drei unterschiedlichen Perspektiven. Ein Teil der Autorinnen und Autoren schreibt über ihre Überlegungen und Erfahrungen aus der Perspektive der Unternehmens- und Managementlogik – und widmet sich der Frage, welchen Stellenwert das Strategiethema vor dem Hintergrund völlig unberechenbar gewordener wirtschaftlicher Rahmenbedingungen überhaupt noch hat. Hier schließt das Heft unmittelbar an die Beiträge des Heftes 4.2016 mit dem Titel „4.0“ zur aktuellen Diskussion über die vielfältigen Herausforderungen und Begleiterscheinungen der Digitalisierung an. Eine weitere Gruppe von Beiträgen schaut aus der Perspektive von Supervision und Coaching – und erörtert aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Frage, was denn Strategie nun wirklich mit der eigenen Profession zu tun hat oder zu tun haben könnte? Was ist ihree – auch ganz praktische – Relevanz für Supervision und Coaching? Die dritte Gruppe von Beiträgen hat vor allem instrumentellen Charakter. Verschiedene „Tools“ werden in Praxis-Spots vorgestellt, die sich in der Strategieentwicklung verschiedener Kontexte bestens bewährt haben – auch hier gilt: Einfach einmal ausprobieren!

Wir wünschen Ihnen viel Spaß auf der Reise zur Strategie

Susanne Ehmer und Harald Payer

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Susanne Ehmer, Harald Payer
Strategie – Wozu?

Martin Johnsson
Lost in space … wenn weite Visionen und kühne Ziele im strategischen Raum verloren zu gehen drohen

Annette Springmeier
Im Fokus: Ein Unterschied, der einen Unterschied macht
Wenn die Supervisorin das Thema „Strategische Ausrichtung“ in die Beobachtung nimmt

Stefanie Auge-Dickhut, Bernhard Koye
Geschäftsmodelle und Strategieentwicklung – Virtuelle Netzwerke als Kernkompetenz     

Hans-Erich Müller
Perspektivwechsel – Strategie im digitalen Zeitalter

Christian Hofmann
Nachdenken über die Zukunft
Nachhaltigkeit als Herausforderung strategischen Denkens und Handelns

Stefan Bauer-Wolf, Wolfgang Steger
Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen

Elfie Czerny, Dominik Godat
GABE statt SWOT
Lösungsfokussierte Strategieentwicklung in einer dynamischen Welt

Simon Severino
Strategieteam und Strategiesprint

Johanna Mayrhofer
Damit wir morgen nicht von gestern sind –
Wie wir unsere Supervisorinnen und Supervisoren in unseren Prozess „Strategie 2020“ einbeziehen.

Bettina Strümpf
Aus dem Nähkästchen geplaudert … Der Strategiespaziergang

Doris Regele
Zukunftsreise

Katrin Wulf
Strategie auf der Leinwand

Günther Gettinger
Aktionsforschung gegen Altersarmut Eine Geschichte aus meiner Praxis

Katharina Böhnke
Iterative Strategieentwicklung mit Design-Thinking
Strategie mithilfe von Prototypen in die Welt bringen

Susanne Ehmer
Strategie in Unternehmen mit agiler Steuerung

Literatur zum Thema         

Susanne Ehmer
Strategieentwicklung: Wo stehen wir – wo wollen wir hin?
Am Beispiel eines Dienstleistungsunternehmens im pädagogischen Bereich

Markierung
Günther Gettinger
JETZT, immer nur JETZT? Nein, nicht nur! Es gibt ja immer auch ein Gestern und ein Morgen …

Rezension
Brigitte Boothe
Katharina Gröning: Sozialwissenschaftlich fundierte Beratung in Pädagogik, Supervision und Sozialer Arbeit

Impressum

supervision 3.2017
It's about how! Strategie

Stückpreis: 17,90 EUR
(inkl. 7,00% MwSt. und zzgl. Versandkosten)

Ausgabe 2.2017
Ziemlich beste Freundinnen? Soziale Arbeit und Supervision

Wie verhalten sich Soziale Arbeit und Supervision zueinander? Wir schlagen„Ziemlich beste Freundinnen?“ (in Anlehnung an den Filmtitel der Regisseure Olivier Nakache und Éric Toledano aus dem Jahr 2011) vor. Denn damit wäre jedenfalls die Ambivalenz im Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und Supervision angesprochen, von der in diesem Heft mancherorts die Rede sein wird.

Die verwendeten Sprachbilder geben einen Eindruck über die Bedeutung, die die Soziale Arbeit für die Supervision in der Vergangenheit hatte und bislang noch hat. Gegenwärtig belegt die Tatsache, dass 60 % der DGSv Supervisor_innen (auch) in der Sozialen Arbeit tätig sind (vgl. Beitrag von Herbert Effinger in diesem Heft), den fachlich und wirtschaftlich hohen Stellenwert der Sozialen Arbeit für unsere Zunft. Insofern schien es uns 2017 an der Zeit, aktuelle Einblicke in die Lage der Sozialen Arbeit und das Verhältnis der beiden Professionen zueinander zu geben. Wir kommen damit den zahlreichen Interessenbekundungen unserer Leser_innen nach.

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Erinnern Sie sich, wann Sie zuletzt in der Zeitschrift supervision einen Themenschwerpunkt zur Sozialen Arbeit vorfanden? Vielleicht entsinnen Sie sich des Jubiläumsheftes 2/2002 zum 20-jährigen Bestehen, in dem Marianne Hege anhand der Entwicklung der Sozialarbeit den supervisorischen Entwicklungsspuren nachging. Die historische Verbindung von Sozialarbeit und Supervision als Profession ist hinreichend dokumentiert. Je nach Blickwinkel erscheint da die Sozialarbeit als „Saatbeet“ (Schütze 1992: 166) der Professionsentwicklung der Supervision, als „Wirt für den Parasiten“ Supervision (Kühl 2006), als konzeptionell und methodisch defizitärer Empfänger der Nothilfe durch die Supervision (Heltzel/Weigand 2012) oder, weniger profan, als Partnerin in einer „Liebesbeziehung & Vernunftehe“ (Reichel/ Dvorak 1998). Wenn schon Beziehungsmetaphern, dann schlagen wir „Ziemlich beste Freundinnen?“ (in Anlehnung an den Filmtitel der Regisseure Olivier Nakache und Éric Toledano aus dem Jahr 2011) vor. Denn damit wäre jedenfalls die Ambivalenz im Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und Supervision angesprochen, von der in diesem Heft mancherorts die Rede sein wird.

Die verwendeten Sprachbilder geben einen Eindruck über die Bedeutung, die die Soziale Arbeit für die Supervision in der Vergangenheit hatte und bislang noch hat. Gegenwärtig belegt die Tatsache, dass 60 % der DGSv Supervisor_innen (auch) in der Sozialen Arbeit tätig sind (vgl. Beitrag von Herbert Effinger in diesem Heft), den fachlich und wirtschaftlich hohen Stellenwert der Sozialen Arbeit für unsere Zunft. Insofern schien es uns 2017 an der Zeit, aktuelle Einblicke in die Lage der Sozialen Arbeit und das Verhältnis der beiden Professionen zueinander zu geben. Wir kommen damit den zahlreichen Interessenbekundungen unserer Leser_innen nach.

Wenn wir uns hier schrittweise annähern, stellen wir fest: Soziale Arbeit hat viele Gesichter, Sozialarbeiter_innen sind in unterschiedlichen Anwendungsfeldern tätig und haben, das kann nicht verwundern, verschiedenste Identitäten. Worum handelt es sich genau, wenn wir von der beruflichen Tätigkeit von Sozialarbeiter_innen sprechen? Das Spektrum der traditionellen und gesetzlich verankerten Anwendungsfelder reicht von Familie, Jugendstreetwork, Straffälligenarbeit, Sucht und Drogen, Psychiatrie/Gesundheit, Wohnen/ Obdachlosigkeit, Gemeinwesenarbeit, Senioren und Pflege, Flüchtlingsarbeit, Menschen mit Behinderung bis hin zur Schulsozialarbeit. In manchen dieser Arbeitsfelder bleiben Sozialarbeiter_innen gänzlich unter sich, während andere Arbeitsfelder multiprofessionell ausgestattet sind und Sozialarbeiter_innen hier mit anderen – vorwiegend statushöheren – Professionist_innen zusammenarbeiten. Dort fühlen sie sich oft nicht als „richtige Professionelle“ angenommen und sind gefordert, ihre besonderen Fähigkeiten immer wieder neu zu „inszenieren“, um den berufstypischen Konflikten und berufsimmanenten Widersprüchen erfolgreich begegnen zu können.

Jedoch erfährt die „meistgescholtende Profession“, wie Marianne Hege vor 15 Jahren hierorts meinte, nicht nur von außen, von den etablierten Disziplinen wie der Medizin, der Soziologie, der Psychologie oder der Juristik, Abwertungen. Sondern viel eher verweigern Sozialarbeiter_innen selbst ihrer Profession die Anerkennung der vielfältigen Kompetenzen, die diese Tätigkeit erfordert, indem sie mit ihrem Selbstverständnis und ihrer professionellen Identität hadern. Supervisor_innen, die in der Sozialen Arbeit tätig sind, ist dieses Phänomen vertraut. Hoch kompetente Fachfrauen und -männer fühlen sich in ihrer Profession abgewertet und werten zugleich ihre eigene Arbeit ab. Sie klagen und versäumen den Einsatz ihrer besonderen Ressourcen, und tragen damit selbst dazu bei, dass das gesellschaftliche Image des Berufes aus einem Zerrbild vieler Klischees besteht – wie der Cartoon „Social Worker“ treffend zum Ausdruck bringt. Diese reichen vom Müßiggänger über Mutter Teresa, den Zauberer und Kidnapper bis hin zum Therapeuten und „Schreibtischhengst“ und verweisen darauf, wie ungeklärt und diffus die berufliche Identität der Sozialarbeiter_innen in der öffent­lichen Rezeption ist (siehe Bild oben).

Eine völlig andere Perspektive auf Soziale Arbeit offenbart der Blick auf die international anerkannte Definition von Sozialer Arbeit, welche eine politisch wache Profession vorstellt, die sich selbstbewusst und kompetent um die großen Fragen der (globalen) Gesellschaft kümmert: „Soziale Arbeit ist eine praxisorientierte Profession und eine wissenschaftliche Disziplin, dessen bzw. deren Ziel die Förderung des sozialen Wandels, der sozialen Entwicklung und des sozialen Zusammenhalts sowie die Stärkung und Befreiung der Menschen ist. Die Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit, die Menschenrechte, gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlagen der Sozialen Arbeit. Gestützt auf Theorien zur Sozialen Arbeit, auf Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften und indigenem Wissen, werden bei der Sozialen Arbeit Menschen und Strukturen eingebunden, um existenzielle Herausforderungen zu bewältigen und das Wohlergehen zu verbessern.“

In diesem Verständnis hat Soziale Arbeit eine politische Funktion. Sie bezieht anwaltschaftlich für Menschen in sozialen Problemlagen Stellung und wird als Hüterin der Menschen- und Sozialrechte, mehr denn je durch ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen herausgefordert.

Das in der Sozialen Arbeit traditionell „heiße Eisen“ – das Verhältnis zur Ökonomie – erfuhr seit den 1990er-Jahren im Zuge der Ökonomisierungsdebatte eine Verschärfung die inzwischen die gesamte Profession an ihre Grenzen bringt. In der Kritik steht dabei die Generalisierung des „Ökonomischen“, wodurch individuelles Verhalten, soziale Beziehungen und Gemeinwesenprozesse primär nach Wirtschaftlichkeits- und Effizienzkriterien betrachtet werden. Die Debatte belegt den Einzug eines betriebswirtschaftlichen Effizienzdenkens, das sich in Gestalt von quantitativen und qualitativen Arbeitsumstrukturierungen und komplexen Sparauflagen bzw. Rationalisierungsprozessen in sozialen Institutionen etablieren konnte.

Nun ist Wandel gesellschaftsimmanent und Veränderung nicht per se schlecht, sowie auch nicht alles schlecht ist, was finanzielle Einsparungen mit sich bringt. Dennoch ist damit zu verfahren, dass die Durchdringung der ökonomisch-bürokratischen Logik vielerorts zu drastischen Verlusten der ­professionellen Qualität Sozialer Arbeit und damit verbunden auch zu eklatanter Minderung der Versorgung ihrer Klient_innen führt.

Nicht selten erliegen Akteur_innen im Ökonomisierungsdiskurs der entlastenden Verführung, Druck und Komplexität durch Polarisierung zu verringern. Die vermeintliche Gretchenfrage lautet dann: Ist die Soziale Arbeit „Opfer“ des Neoliberalismus und sollte sie sich dementsprechend kämpferisch positionieren oder versäumt sie es bloß, sich intelligent an veränderte Umweltbedingungen anzupassen? Im Sinne einer Sowohl-als-auch-Betrachtung ist zu fragen: Was erschwert es der Profession, die Qualität ihrer Leistungen offensiv und an den ökonomischen Rationalitäten ausgerichtet darzustellen? Müsste die Soziale Arbeit – und die sie begleitende Supervision – angesichts der teilweise prekären Umstände, sich nicht deutlich gesellschaftspolitischer positionieren? Reicht es, Konzepte einer neuen Aushandlungskultur zwischen professioneller, ökonomischer und bürokratischer Logik in Organisationen (Siller 2008) mithilfe der Supervision zu etablieren? Wie umgehen mit der resignativen Antwort, dass dies doch alles nur Tropfen auf heiße Steine sein können, angesichts der gesellschaftlichen und arbeitsweltlichen Umwälzungen? Auch in der Redaktion dieser Ausgabe war die Diskussion unumgänglich, ob es denn ausreicht, als Fachzeitschrift der Supervision von Mensch, Arbeit und Organisation sozusagen bequem aus der „zweiten Reihe“ eine wohltemperierte Ökonomisierungsdebatte zu führen, während die von uns Beratenen und ihre Klien­t_innen nicht bloß Teil einer Debatte, sondern existenziell Betroffene der Folgen sind. Wäre es legitim oder opportu­nistisch, die Anzahl an negativ belegten Aussagen rund um die Ökonomisierungsdebatte im Heft entsprechend der begrenzten Aufmerksamkeitsspanne der werten Leser_in­nen zu dosieren (Komfortzonen-Orientierung)? Drückt sich darin nicht bereits unsere Ausblendung des durch Ökonomisierung produzierten Elends von Menschengruppen und sozialen Professionen aus? Oder ist es nicht viel eher auch die Aufgabe dieser Fachzeitschrift, einen Gegenpol zu bilden und gegen den resignativen Mainstream anzutreten, und gerät die Kritik an der Ökonomisierung des Sozialen nicht längst zur Dämonisierung derselben?

Lesen Sie selbst, anhand der Auswahl und Gestaltung der Beiträge, zu welchen Antworten wir gelangt sind. Uns war es jedenfalls ein Anliegen, das Bild der Sozialen Arbeit zu differenzieren, und wir suchten daher nach Antworten aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven: fachlich-theoretisch, professionsbezogen, aus Sicht der Politik, respektive Stadtverwaltung, vonseiten der Auftraggeber_innen sowie der Supervisand_innen selbst. Dabei war es uns ebenso ein Anliegen, die Praxis auf unterschiedliche Weisen einfließen zu lassen und die Soziale Arbeit in Korrespondenz zur Supervision möglichst plastisch darzustellen.

Flüchten oder Standhalten? – fragt Herbert Effinger auf Basis einer Onlinebefragung die supervisorische Community nach den Auswirkungen der zunehmend schwierig gewordenen Bedingungen der Sozialen Arbeit für die Supervision. Er überprüft die häufig geäußerte Vermutung, dass Supervision in der Sozialen Arbeit zum schlecht dotierten Alibi verkomme und Supervisor_innen dem unattraktiv gewordenen Feld den Rücken zukehren würden. Zugleich bereitet er uns einen fundierten Einblick in die Arbeitswelt von Sozialarbeiter_innen und thematisiert die aktuellen Fragen, mit denen Supervisor_innen dort konfrontiert sind. Möglich geworden ist diese Erstveröffentlichung der Forschungsergebnisse durch die Unterstützung der DGSv sowie der Evangelischen Hochschule Dresden, wofür die Redaktion an dieser Stelle herzlich dankt.

Szenenwechsel in die Ausbildung: Wer sich ein Bild von Sozialer Arbeit und ihrem Verhältnis zur Supervison machen will, gewinnt im Bereich der Ausbildung erhellende Erkenntnisse. So scheint sich das Verständnis der Supervision in der Ausbildung von Sozialarbeiter_innen nicht gemeinsam mit dem der Supervision hin zu einem triadischen, auftrags- und aufgabengebundenen Selbstverständnis entwickelt zu haben. Wie entscheidend jedoch die trianguläre Einbindung von Supervision für die Professionalisierung der Sozialen Arbeit bereits in der Ausbildung sein könnte – und woran sie derzeit kränkelt –, rückt der Beitrag von Brigitte Geißler-Piltz ins Bewusstsein. Sie lenkt den Blick auf die besondere Situation der Supervision im Bachelorstudium Soziale Arbeit und der darin tätigen Akteur_innen. Als „blinden Fleck“ der Hochschulausbildung macht sie den formal-administrativen Kontrakt und die leistungs- und bewertungsfreie Performance der Studierenden am Lernort Hochschule aus. Ihre Überlegungen zu einer notwendigen Integration von Supervision in das Studium der Sozialen Arbeit könnten helfen, ein professionelles Supervisionsverständnis künftiger Sozialarbeiter_innen und damit deren Zugang zu einer organisationsorientierten Supervision weiterzuentwickeln.

Dass die „organisationsorientierte“ Supervision, selbst nach 30 Jahren Dreieckskontrakt, in der Sozialen Arbeit noch immer und immer wieder mit erheblichen Hürden zu kämpfen hat, davon berichtet der Beitrag von Adalbert Gschosmann. Von einer empirischen Forschungsarbeit ausgehend, zeichnet er die Ursachen von Organisationsfeindlichkeit in der Sozialen Arbeit nach und schlägt Überlegungen auf Basis von Supervisionstheorie und -handwerk vor, die Supervisor_innen in diesem Feld bei der Gestaltung des Dreieckskontrakts unterstützen können.

Wie die Veränderungen der Supervision der letzten 25 Jahre erlebt werden, macht das von Joachim Sauer geführte Gespräch mit Sozialarbeiter_innen aus der extramuralen Psychiatrie und der Bewährungshilfe deutlich. Neben den Einwirkungen der Ökonomisierung lässt sich dabei über den Stellenwert der Organisation in der Supervisionspraxis von Sozialer Arbeit – in und zwischen den Zeilen – Aufschlussreiches erfahren.

Wer „Ökonomisierung des Sozialen“ bisher als Abstraktum kennt, findet in den Überlegungen von Heike Friesel-Wark einen anschaulichen Brückenschlag zwischen dem Begriff und seiner alltagspraktischen Bedeutung, sowohl für Sozialarbeiter_innen als auch für die Klientel. Im Kontext des Ambulant Betreuten Wohnens für psychiatrisch erkrankte Menschen, führt sie entlang des „roten Fadens“ von Ökonomisierung und Gewinnorientierung und den daraus folgenden Veränderungen für die Organisationen und die Soziale Arbeit bis hin zu deren Depotenzierung und Deprofessionalisierung. Abschließend diskutiert sie, welche Grundwerte der Supervision den Umgang mit dem kränkenden und beschämenden Sinnverlust der eigenen Arbeit unterstützen können.

An einer anderen Stelle – nämlich der Entwicklung von Sozialorganisationen – nehmen Stefan Busse und Gudrun Ehlert den roten Faden auf und bringen durch die Form und den Inhalt ihres Beitrages Zuversicht in die Ökonomisierungstristesse. Durch die Form deshalb, weil es ihnen mit dem fiktiven Tagebuch eines Supervisors gelingt, Leselust und Spannung bei der Lektüre eines Forschungsberichtes zu wecken. Inhaltlich macht zuversichtlich, dass ihre evaluative Untersuchung der Organisationsveränderung eines Allgemeinen Sozialdienstes (ASD) belegt, dass Organisation und Profession in der Sozialen Arbeit durchaus imstande sind, unter verschärften (ökonomischen) Rahmenbedingungen die Erfüllung der Kernaufgabe gemeinsam zu organisieren.

Womit wir im multiperspektivischen Narrativ dieses Heftes beim Blickwinkel eines Repräsentanten einer Sozialorganisation angekommen wären. Wolfgang Ruthemeier, Fachdienstleiter des Sozialen Dienstes in einem kommunalen Jugendamt, gibt Einblick in die unvermeidlichen „Kreisquadraturen“ bei der Organisation der Jugendhilfe und die erforderliche qualitative Einbettung von Supervision. Er verdeutlicht an einem Beispiel, wie entscheidend im Zusammenspiel zwischen Sozialer Arbeit und Fallsupervision Wissen und Containment von Supervisor_innen bei feldtypischen Opfer-Täter-Dynamiken und der damit verbundene Lösungsdruck sein können, um Kinder effektiv zu schützen.

Schließlich nimmt uns Ariane Schorn an der Hand und bringt uns – ganz in der Tradition der Markierungen erzählend und mäandernd – Dimensionen der Supervision in der Sozialen Arbeit auf eine Weise nahe, als säßen wir eine Zeitlang mit ihr in einer Teamsupervision.

Ihnen wünschen wir eine informative und anregende Lektüre und sind neugierig auf Ihre Kommentare, Einsprüche und Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit Sozialer Arbeit.

 

Ihr Redaktionsteam:

Brigitte Geißler-Piltz, Adalbert Gschosmann und Andrea Sanz

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Herbert Effinger
Flüchten oder Standhalten?
Reflexionen über Supervision in der Sozialen Arbeit

Brigitte Geißler
Statt Marginalie: Integration von Supervision im Studium Sozialer Arbeit

Adalbert Gschosmann
Das Unbehagen mit dem Dreieckskontrakt
Überlegungen zu einer Konstanten in der Teamsupervision von Sozialorganisationen.

Joachim Sauer im Gespräch mit zwei Sozialarbeiter_innen    
Im Wandel der Zeiten
Drei Jahrzehnte Supervision aus der Perspektive von Supervisand_innen und Auftraggeber_innen

Heike Friesel-Wark
Das Ambulant Betreute Wohnen im Spannungsverhältnis von Profession und Ökonomie

Stefan Busse, Gudrun Ehlert
Organisationsveränderungen im Allgemeinen Sozialdienst (ASD)
Auf der Suche nach Gelingensbedingungen

Interview
Supervision, die sich hilflos am Überdruss der Fachkräfte abarbeitet, gilt es zu verhindern
Interview* mit Wolfgang Ruthemeier über supervisorische Standards in der Jugendhilfe

Markierungen
Ariane Schorn    
Ein besonderes ­Verhältnis: Soziale Arbeit und ­Supervision

Rezension
Susanne Sandrock
Elise Bittenbinder, Silvia Schriefers, Jenny Baron (Hg.)
Grenzbereiche der ­Supervision – Verwaltung in Bewegung

supervision 2.2017
Ziemlich beste Freundinnen

Stückpreis: 17,90 EUR
(inkl. 7,00% MwSt. und zzgl. Versandkosten)

Ausgabe 1.2017
Schwierige Operationen

Das Heft geht in begrifflich-theoretischer Hinsicht der Frage nach, was psychoanalytisch orientierte Supervision und Organisationsberatung im Kern ausmacht. Gleichzeitig zeigen „ungeschminkte“ Fallbeispiele, wie sich psychoanalytisch orientierte Supervision und Organisationsberatung praktisch realisiert und wie schwierig und alles andere als geradlinig und „erfolgssicher“ psychoanalytisch orientierte Arbeit im organisationalen Kontext ist.

Editorial


Liebe Leserin, lieber Leser!

Wir machen hier ja keine Therapie“, betont der Bereichsleiter eines Krankenhauses während einer Supervisionssitzung des Leitungsteams. „Stimmt“, sagen wir.

Schließlich geht es im Organisationsberatungsprozess nicht um die Bewältigung einer psychischen Erkrankung. Vielmehr hat psychoanalytisch fundierte Organisationsberatung eine Organisation oder zumindest Teile davon zum Klienten. Sie arbeitet mit Rollenträgern, die die Organisation mehr oder weniger stark repräsentieren und die zur Bewältigung organisationsspezifischer arbeitsweltlicher Problemstellungen Beratung anfragen.

In der Beratungspraxis zeigt sich freilich regelmäßig, dass die Grenzen zwischen Therapie und Beratung fließend sind. Die Fähigkeit eines Rollenträgers, eine herausfordernde Situation, einen Konflikt oder eine Krise konstruktiv zu bewältigen, ist aus psychoanalytischer Perspektive eng mit dessen lebensgeschichtlichen Erfahrungen und seiner Persönlichkeit verknüpft. Vor diesem Hintergrund zählt es zu den beraterischen Kernaufgaben, Selbstreflexion zwischen Person und Organisation systematisch zu fördern und dabei auftretende Widerstände vorsichtig anzusprechen. Dazu bedarf es neben einer belastbaren Beratungsbeziehung viel „Fingerspitzengefühls“. Dies umso mehr, je höher die hierarchische Position des Rollenträgers in der Organisation angesiedelt ist. Gleichzeitig gilt es selbstredend, die Primäraufgabe der Organisation und damit immer auch rational-ökonomische Interessen im Blick zu behalten. Das eine zu tun, ohne das andere zu lassen sind unserer Erfahrung nach nicht selten „schwierige Operationen“.

Psychoanalytisch fundierte Beratung im organisationalen Kontext nimmt latente Dynamiken in den Blick und fragt ebenso nach deren Nutzen wie nach deren Kosten. Sie setzt da an, wo sich gute Vorsätze an der Praxis brechen. Weder trainiert sie ihre Klienten, noch stellt sie ihnen das x-te Gelingensmodell vor. Vielmehr macht sie besprechbar, was nicht im Fokus der Aufmerksamkeit liegt oder nicht besprechbar scheint, aber in den organisationalen Fokus rücken und besprochen werden müsste. Sie begleitet ihre Klienten im Prozess der „Selbstverständigung“ und unterstützt sie damit, Nebenkriegsschauplätze zu verlassen und sich wieder der Sache der Organisation – sei dies etwa Autos zu produzieren, Software zu entwickeln, Kranke zu heilen oder Schüler zu unterrichten – zuzuwenden. Das Kapital psychoanalytisch fundierter Beratung im organisationalen Kontext bildet dabei nicht mehr und nicht weniger als das Bewusstsein für die Existenz des Bewussten wie des Unbewussten.

Diese Position scheint uns sowohl unter Beratern, insbesondere psychoanalytisch orientierten Kollegen, als auch auf der Seite der Klienten alles andere als selbstverständlich. Das Verhältnis von Psychoanalyse und Organisation selbst scheint eine „schwierige Operation“. Was ist das spezifisch Psychoanalytische im arbeitsweltlichen Kontext? Macht ­Psychoanalyse nicht Angst und sollte es daher nicht besser psychodynamisch heißen? Was ist das Unbewusste der Organisation? Kann sich die psychoanalytische Position überhaupt konstruktiv mit Organisationen und damit immer auch mit Macht auseinandersetzen?

Wir meinen: Ja! Unserer Erfahrung nach sind Klienten nach dem Erstkontakt mit der psychoanalytischen Haltung sowie deren Erschließungs- und Lösungskapazitäten bezüglich arbeitsweltlicher Problemstellungen begeistert. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund braucht sich die Psychoanalyse nicht zu verstecken. Die in diesem Heft gesammelten Beiträge fragen in unterschiedlicher Akzentuierung nach dem spezifisch Psychoanalytischen einer psychoanalytisch fundierten Beratung zu arbeits- und organisationsbezogenen Problemstellungen. Neben grundlegenden Überlegungen zum Verhältnis von Psychoanalyse und Organisation liegt dabei das Augenmerk auf der Vorstellung und Reflexion psychoanalytisch orientierter Beratungspraxis. Wir hoffen, das Heft trägt dazu bei, Psychoanalyse und Organisation zukünftig noch stärker zusammenzudenken.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre und freuen uns auf den Diskurs.

Ronny Jahn und Andreas Nolten

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Rudolf Wimmer, Thomas Giernalczyk, Mathias Lohmer, Ross A. Lazar, Ronny Jahn, Andreas Nolten
Betreff: Organisationsberatung.
E-Mail-Diskurs zur Frage psychoanalytischer /  systemtheoretischer Beratung von Organisationen

Thomas Loer
Welten der Latenz in Organisationen – ein Aufriss

Ronny Jahn, Andreas Nolten
Diplomaten im Dienste der Organisation
Psychoanalytisch orientierte Überlegungen zur Beratung von Organisationen

Thomas Kühn
Supervision und Organisationsberatung im Lichte Erich Fromms

Beate West-Leuer, Eva-Maria Lewkowicz
„Nüsse knacken, einen Apfel schälen, Mineralwasser eingießen“
Management-Coaching in Zeiten des Wandels

Wolfgang Weigand
Sichtbare wie unsichtbare Stolpersteine in der Organisationsberatung

Marga Löwer-Hirsch    
Das Regelwerk ist die Reflexionsfähigkeit
Ein Fall von psychodynamisch fundierter Beratung

Andreas Hamburger
Psychoanalytische Supervision im Feld: Fallorientierte Teamsupervision in der stationären Jugendhilfe

Beate Pauluth-Cassel
Die Angst in der Gruppe
Wilfred Bions Konzept der Gruppendynamik im Kontext von Organisationsberatung

Mathias Lohmer, Carla Albrecht, Martin Engelberg, Thomas Giernalczyk
Fragebogen zu psychodynamischen Führungsstilen (FPS)
Ein Instrument für Leitungssupervision

Freier Beitrag
Renate Schwarz
Embodiment und leibliche Kommunikation in der Beratung

Markierungen
Kai H. Kuljurgis
Aus dem Leben eines zunehmend psychodynamisch arbeitenden Managementberaters

Sascha Langewand    
Mit leisen Schritten auf lauten Wegen der Angst begegnen
Supervision im ­Rettungsdienst

Rezension
Ronny Jahn    
Thomas Sattelberger/Isabell Welpe/Andreas Boes (Hg.)
Das Demokratische ­Unternehmen

 

supervision 1.2017
Schwierige Operationen

Stückpreis: 17,90 EUR
(inkl. 7,00% MwSt. und zzgl. Versandkosten)

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