Ausgabe 1.2016
Das Fremde

Die neue Ausgabe ist wahrlich aktuell – und wichtig. Peter Altvater und Wolfgang Weigand schreiben im Editorial: „Die Planungen zum vorliegenden Themenheft: ‚Das Fremde‘ sind etwa zwei Jahre alt. Die Überlegungen, die wir seinerzeit angestellt haben, zielten darauf, der Vielschichtigkeit von Fremdheitsgefühlen in Supervisionsprozessen nachzuspüren. Dabei hatten wir nicht ausschließlich Erfahrungen mit ethnischer Fremdheit im Blick. Vielmehr war die Überlegung, Erfahrungen mit vielfältigen Formen von Fremdheit in Supervisionsprozessen zu reflektieren – wie z. B. Unbehagen im Kontakt mit Mitgliedern anderer sozialer Milieus, Unverständnis über besondere kulturelle Muster in Organisationen oder auch auftretende Irritationen dem anderen Geschlecht gegenüber. Im Zentrum der Beiträge des Heftes sollten die vier thematischen Bereiche: fremdes Feld/fremde Milieus, inneres Ausland, Möglichkeiten und Grenzen des Verstehens sowie Entfremdung durch Organisationen stehen. … Während wir das Heft planten und mit möglichen Autor_innen sprachen, kamen die Flüchtlinge. … Wenn nun mit diesem Heft und den darin enthaltenen Aufsätzen die ein oder andere weiter oben aufgeworfene Frage präziser gestellt, gesellschaftliche Rahmenbedin­gungen genauer ausgeleuchtet und psychische Verfasstheiten besser verstanden werden können, so hat aus der Sicht der Verantwortlichen dieses Heft seinen Anspruch erfüllt. Beantworten können dies allerdings nur Sie, liebe Leser_innen.“

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Planungen zum vorliegenden Themenheft: „Das Fremde“ sind etwa zwei Jahre alt. Die Überlegungen, die wir seinerzeit angestellt haben, zielten darauf, der Vielschichtigkeit von Fremdheitsgefühlen in Supervisionsprozessen nachzuspüren. Dabei hatten wir nicht ausschließlich Erfahrungen mit ethnischer Fremdheit im Blick. Vielmehr war die Überlegung, Erfahrungen mit vielfältigen Formen von Fremdheit in Supervisionsprozessen zu reflektieren – wie z. B. Unbehagen im Kontakt mit Mitgliedern anderer sozialer Milieus, Unverständnis über besondere kulturelle Muster in Organisationen oder auch auftretende Irritationen dem anderen Geschlecht gegenüber. Im Zentrum der Beiträge des Heftes sollten die vier thematischen Bereiche: fremdes Feld/fremde Milieus, inneres Ausland, Möglichkeiten und Grenzen des Verstehens sowie Entfremdung durch Organisationen stehen. Dabei sollten die folgenden Fragen bearbeitet werden: Wie kann Verstehen von Fremdheit gelingen, wenn sich Supervisor_innen in für sie fremde Welten vorwagen? Also beispielsweise in Gewerkschaften, in ­Kirchen, in Vorstandsetagen von Unternehmen, in Parteien, in Unternehmen, in reine Männer-/Frauenteams, in andere Kulturen. Mit welchen fremden Themen, Deutungsmustern, Alltagsregeln und Habitusformen sind sie dort konfrontiert? Welche Erfahrungen mit Fremdheit machen sie? Was steht dem Verstehen im Wege? Was haben sie verstanden? Oder: Was hat dazu geführt, dass es nicht zum wechselseitigen ­Verstehen gekommen ist, dass die Supervision misslungen ist?

Während wir das Heft planten und mit möglichen Autor_innen sprachen, kamen die Flüchtlinge. Zu Beginn des Jahres zunächst nur wenige, dann immer mehr. Zum Jahresende 2015 sollten etwa eine Million Menschen vor Krieg, ­Verfolgung und Armut in die Bundesrepublik geflohen sein. Seitdem wird von „Flüchtlingskrise“ (Spiegel), von „Flüchtlingszustrom“ (Handelsblatt), in rechten Gazetten auch von „Flüchtlingsschwemme“ gesprochen. Aber auch uns, den Redaktionsmitgliedern dieses Heftes, fällt es schwer, angemessene Formulierungen zur Beschreibung des Phänomens zu finden, die nicht schon eine tendenziöse Bezeichnung darstellen.

Die Anzahl der Flüchtlinge hat viele überrascht. Andere hingegen waren überrascht, dass erst jetzt so viele Flüchtlinge zu uns kommen. Wer die Lebenssituation in anderen Teilen der Welt, die noch nicht einmal Krisenregionen sein müssen, ernsthaft betrachtet, den kann die Vielzahl der Flüchtlinge, die vor allem Sicherheit und Lebensperspektiven erhoffen, nicht wundern. Dies vermuten sie vor allem in Europa, besonders in Schweden und der Bundesrepublik. Während das freie und ungehinderte Zirkulieren von Kapital und Waren in dieser Welt als selbstverständlich gilt, erschrecken viele vor der Mobilität von Menschen, die Wertschöpfung bewerkstelligen und daran teilhaben wollen.

Die Mehrzahl der Menschen kommt aus den syrischen und irakischen Kriegsgebieten. Viele von ihnen sind traumatisiert – vom Kriegsgeschehen selbst oder den Erfahrungen auf der Flucht. Die bundesrepublikanische Gesellschaft hat sehr unterschiedlich auf die Ankunft dieser hohen Zahl von Flüchtlingen reagiert: Einerseits zeigen das vielfältige Engagement von Ehrenamtlichen und der Umgang mit den Bedarfslisten von Notunterkünften, dass das zivilisatorische Grundmuster unserer Gesellschaft funktioniert. Andererseits sind wir aber auch mit massiv fremdenfeindlichen Reaktionen konfrontiert, die von Pegida, über die AfD bis zur CSU reichen und die offen das verfassungsrechtlich verankerte Grundrecht auf Asyl infrage stellen. Die Vielzahl von Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte in diesem Jahr weckt Erinnerungen. Erinnerungen an die Asyldebatte zu Beginn der 90er-Jahre und die vielen gewalttätigen Übergriffe und mörderischen Brandanschläge (Rostock, Mölln, Solingen) auf Fremde. Allerdings mit einem Unterschied: Während seinerzeit weite Teile der politischen Klasse die fremdenfeindliche Stimmung in der Bundesrepublik mitgetragen, ja in Wahlkämpfen sogar instrumentell eingesetzt haben und in der Bundesrepublik keinesfalls eine Einwanderungsgesellschaft sehen wollten, scheint der zivilisatorische Konsens auch nach den Ereignissen von Köln noch zu tragen, wenngleich das Eis recht dünn zu sein scheint.

Aber: Dass die Bundesrepublik eine Einwanderungsgesellschaft geworden ist, steht außer Zweifel. Gleichwohl wissen wir noch nicht, was das eigentlich bedeutet. Wie wird sich das Leben in dieser Gesellschaft verändern? Was können, was müssen wir tun, um den zivilisatorischen Kitt unseres Gemeinwesens zu stärken? Die Forderungen nach Integration, nach Spracherwerb, nach Anerkennung unserer Grundwerte durch die Flüchtlinge mögen verständlich sein. Allein, dies ist noch kein Konzept für eine Einwanderungsgesellschaft. An einem solchen wird zu arbeiten sein. Dies ist nicht nur Aufgabe des Staates, sondern auch die Zivilgesellschaft und damit das bürgerschaftliche Engagement müssen ihren Teil dazu beitragen, dass wir auch in Zukunft in einer Gesellschaft leben, in der die Grundwerte von Freiheit, Gleichheit, Solidarität und gesellschaftlicher Teilhabe gelebt und geachtet und nicht von Dogmatikern und Extremisten jedweder Couleur ausgehöhlt werden. Hier könnten wir uns orientieren u. a. an John Maynard Keynes, jenem Ökonomen, der in den 30er-Jahren vor dem Hintergrund der fehlenden Integration der englischen Arbeiterklasse um die Stabilität der britischen Demokratie fürchtete. Für ihn war die materielle Teilhabe das zentrale Instrument der Integration breiter Schichten in die Gesellschaft, die auch zu einer Loyalität den demokratischen Grundwerten gegenüber geführt hat. Oder an Richard Rorty, für den Vernunft kein Vermögen des Einzelnen ist, sondern als gesellschaftliches Prinzip das „Bevorzugen der Rede statt der Gewaltanwendung“.

Nun zu den Texten des Heftes. Peter Altvater arbeitet aus der Soziologie und Sozialpsychologie des Fremden jene Aspekte heraus, in denen Parallelen zwischen der sozialen Position des Fremden und des Supervisors augenfällig sind. Er fragt nach Möglichkeiten und Grenzen des Verstehens in Supervisionsprozessen und beim Umgang mit Fremdheitsgefühlen. Neben der Gegenübertragungsanalyse bietet sich hierfür seiner Auffassung nach die sozialwissenschaftlich-philosophische Hermeneutik für ein tieferes Verstehen des Geschehens in Supervisionsprozessen und zu einer Differenzierung von Eigenem und Fremdem an.

Auch bei Elisabeth Rohr steht das Fremdverstehen im Zentrum des Artikels. Ihre Erkenntnisfolie ist eine stärker psychosozial orientierte Psychoanalyse, mit deren Hilfe sie versucht, leidvolle Realitäten in fremdkulturellen Zusammenhängen zu verstehen. Dabei geht sie davon aus, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse vielfach kein Bewusstsein mehr vom Leid erlauben. Stattdessen habe sich das Leid in die Welt der Fantasie und der Träume zurückgezogen, in Bereiche also, aus denen kein bewusster Einspruch gegen die Ordnung mehr vordringen kann. Anhand dreier Fallbeispiele aus ihrer vielfältigen internationalen Erfahrung bei der Ausbildung von Supervisor_innen in Südafrika, Guatemala und Ramallah arbeitet sie die Rolle ihrer eigenen kulturellen Fremdheit auf und zeigt, wie Supervision in der Lage ist, Erkenntnisse über gesellschaftlich unbewusste Sinnzusammenhänge zu erschließen.

Mathias Hirsch geht vom freudschen Gedanken aus, dass wir uns alle selbst fremd sind und es deshalb nottut, die Fremdheit in uns selbst aufzuspüren. Er setzt das Fremde in uns mit dem Fremden außerhalb von uns in Verbindung, und es gelingt ihm dadurch, das Individuelle mit dem Politischen an sehr illustrativen Beispielen in Korrespondenz zu bringen.

Über Fremdheitserfahrungen in einem gänzlich anderen Feld berichtet Theresia Volk (In der Fremde des Profits). In der Debatte, ob Supervision und Coaching dasselbe sein dürfen, spiegeln sich für sie die Angst vor dem fremden Feld und die Sorge, sich darin zu verändern. Dabei werde doch zuallererst der Coachee von Fremdheitsgefühlen befallen, da die Subthemen in der Supervision – Szenen, Phänomene, Muster – so gar nicht mit dem Bild von rationaler Zielorientierung zusammenpassen wollen. Theresia Volk fordert auf, sich in diesem Feld beunruhigen zu lassen, denn die Annäherung an das Fremde beunruhige das Eigene, sie fordert auf, ins Risiko zu gehen, auch wenn man nicht wisse, wann „der Tiger um die Ecke komme“. Und sie verweist auf die Anfangszeit, in der die Supervision eine extrem mutige Angelegenheit war, deren Erkenntnisse sich nicht durch Resonanz, sondern auf der Grundlage von Differenz weiterentwickelt ha­ben. Dieses Maximum an Differenz biete nun einmal das Fremde.

Gerhard Leuschner, ein Doyen der Supervision, verbindet persönliche Geschichte und reflektierte Praxis mit einem Vorschlag an den Berufs- und Fachverband DGSv, ein Projekt zu starten, in dem Supervisoren in Flüchtlingsunterkünften Selbstorganisationsprozesse begleiten. „Wie kann es möglich werden, eine Flucht oder eine Vertreibung im Gefühl umzuwandeln in eine selbstentschiedene Trennung und ein Sichabfinden mit der Realität?“

Thomas Auchter, der sich wohl am längsten von unseren Autoren mit dem Fremden auseinandersetzt, zentriert seinen Beitrag um die Angst, die durch das Fremde mobilisiert wird. Die drei Grundbedürfnisse des Menschen (Sicherheit, Anerkennung, Bindung) erzeugen in der Konfrontation mit dem Fremden die Angst, diese Grundbedürfnisse nicht mehr befriedigen zu können.

Angesicht der Fremdheit eröffnet Tamara Musfeld mit der supervisorischen Perspektive einen Konflikt zwischen Professionalität und politischer Identität. Die Ziele der Organisation reiben sich an den Zielen der Supervision und umgekehrt. Was vorhanden ist, ist unmöglich, aber was verändert werden soll, eben auch. Der Ausweg aus diesem Dilemma liegt weder in der wechselseitigen Abwertung noch in ihrer Idealisierung.
Yvo Kühn und Eike-Christian Reinfelder nehmen Unterschiede in der Gesellschaftsentwicklung des christlich-abendländischen Westens und der islamischen Welt zum Anlass, um die Wirkungsmacht des Korans auf die Alltagsorientierungen der Menschen auszuleuchten. Als zentrale Deutungsbasis der islamischen Welt machen sie die auf einer göttlich-väterlichen Autorität basierende paternalistische Gesellschaftsordnung aus. Diese dominiere und präge das soziale Zusammenleben der Menschen bis auf die Ebene der familialen Strukturen.

Ein Blick in die Praxis wird durch die Sozialarbeiterin und Supervisorin Andrea Stroet im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe und von der Kinderärztin Renate Schüssler in der ehrenamtlichen medizinischen Versorgungsarbeit in Berlin ermöglicht. Beide Beispiele zeigen, wie politische Diskussionen und reale Versorgungsarbeit meilenweit auseinanderliegen.

Katharina Witte berichtet aus einem Strauß von Erfahrungen, Beobachtungen und Gefühlen heraus – sowohl bei sich als auch bei den Menschen, mit denen sie arbeitet. Sie stellt das Verstehen von Fremdheit in der Supervision in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Anhand dreier Fallbeispiele, die zwischen Abwehr und Verschmelzung pendeln, betont sie die Notwendigkeit einer eigenen Position in Begegnung mit dem Fremden.

In der ständigen Rubrik „Erlebte Literatur“ nähert sich Bernd Kleimann dem Klassiker von Albert Camus: Der Fremde. Er interpretiert die in den 30er-Jahren spielende Erzählung als Manifestation von Camus’ philosophischer ­Position der Absurdität des Daseins und dessen Kompositionsprinzips. Camus forme den Protagonisten Meursault zu einem radikal Fremden, zu einem verstörenden Anti-Subjekt, der alle Anforderungen, die wir ganz selbstverständlich an Akteure in der modernen Gesellschaft richten, radikal enttäusche.

Und schließlich rezensiert Michael Faßnacht einen Sammelband, der zu Anlass des 125. Geburtstags von Kurt Lewin erschienen ist und der die Wirkungsgeschichte seiner Forschungsarbeiten nachzeichnet, die aus mehr als nur der Feldtheorie besteht.

Wenn nun mit diesem Heft und den darin enthaltenen Aufsätzen die ein oder andere weiter oben aufgeworfene Frage präziser gestellt, gesellschaftliche Rahmenbedin­gungen genauer ausgeleuchtet und psychische Verfasstheiten besser verstanden werden können, so hat aus der Sicht der Verantwortlichen dieses Heft seinen Anspruch erfüllt. Beantworten können dies allerdings nur Sie, liebe Leser_innen.

Peter Altvater und Wolfgang Weigand

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Wolfgang Weigand
Flüchtige Gedanken

Peter Altvater
Der Supervisor als Fremder
Überlegungen zur sozialen Position des Supervisors und zu ­ Möglichkeiten und Grenzen des Verstehens in Supervisionsprozessen

Elisabeth Rohr
Das sozial Unbewusste in der Supervision des Fremden
Erfahrungen in Südafrika, in Guatemala und in Ramallah/Westbank

Mathias Hirsch
Das Fremde – innen und außen

Theresia Volk    
In der Fremde des Profits
Der Gang in ein fremdes Feld ist ein Wagnis und verändert

Gerhard Leuschner
Einfühlung in das Fremde

Thomas Auchter
Das „Fremde“ zwischen Neu-Gier und Neu-Angst
Psychoanalytische und psychosoziale Aspekte

Winfried Münch – dem Philosophen und Supervisor zum 80. Geburtstag

Tamara Musfeld
„Diese Haltung ist mir unheimlich fremd!“
Konflikte zwischen Professionalität und politischer Identität in der Supervision

Yvo Kühn, Eike-Christian Reinfelder
Entfremdungsprozesse
Chancen und Erkenntnisräume supervisorischer Arbeit mit fremden Kulturen am Beispiel des Islams

Blick in die Praxis
Andrea Stroet
Umgang mit dem fremden Kind
Ein Praxisbericht sozialer Arbeit

Interview mit Renate Schüssler
Medizinische Versorgung

Katharina Witte
Von der Notwendigkeit des Fremden für das Selbst
Über die fließenden Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden

Literatur zum Thema

Erlebte Literatur
Bernd Kleimann
Das Anti-Subjekt: Camus’ Erzählung Der Fremde wiedergelesen

Markierungen
Wolfgang Weigand
Können wir das schaffen?

Freier Beitrag
Jutta Heppekausen
Szenisches Arbeiten am szenischen Verstehen
Nicht bewusste Handlungsgründe und gesellschaftliche Zusammenhänge

Rezension
Michael Faßnacht
Klaus Antons/Monika Stützle-Hebel (Hg.) Feldkräfte im Hier und Jetzt

Impressum

supervision 4.2015 1.2016
Das Fremde

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