Ausgabe 1.2015
Irritation

Aus dem Editorial: „Noch vor dem klärenden Gespräch über Anlass und Anliegen einer Anfrage steht oft bereits fest, dass es ein Tagesworkshop, eine Team-Supervision oder eine Fortbildung sein soll. Wo bleibt da unsere gedankliche, konzeptionelle Freiheit, nach der bestmöglichen Intervention zu suchen? (…) Das hat uns zunehmend irritiert. Wie viel Anpassung, Gewöhnung, Routine oder auch Kränkung spielen hier mit? Oder ist alles ganz anders zu verstehen? (…) Die Irritation nahm ihren Lauf und wir griffen sie auf als Thema für dieses Heft: Irritation – aus der Sicht verschiedener, für unsere Tätigkeit relevanter Disziplinen. Was sagen Theoriekonzepte dazu, was erlebt die Praxis?“

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Angeregt durch unsere Beobachtungen im Beratungsgeschehen planten wir zunächst eine Auseinandersetzung mit den häufig schon feststehenden Vorstellungen oder auch routinemäßigen Erwartungen, wie die Supervision oder Beratung verlaufen sollte – sowohl von unseren Kunden aus gesehen als auch von uns. Noch vor dem klärenden Gespräch über Anlass und Anliegen einer Anfrage steht oft bereits fest, dass es ein Tagesworkshop, eine Team-Supervision oder eine Fortbildung sein soll. Wo bleibt da unsere gedankliche, konzeptionelle Freiheit, nach der bestmöglichen Intervention zu suchen? Werden Supervisoren und Beraterinnen hier funktionalisiert, „einverleibt“? Wie können wir so noch zu Neuem im Denken, Beobachten, Handeln anregen und nicht nur zu Effizienzsteigerung von bereits Bestehendem beitragen? Wir wollen doch fremd, frech, anders, eigen, irritierend und anregend sein, um für das Kundensystem hilfreich und wirksam sein zu können.

Das hat uns zunehmend irritiert. Wie viel Anpassung, Gewöhnung, Routine oder auch Kränkung spielen hier mit? Oder ist alles ganz anders zu verstehen?

Das Redaktionsteam reagierte bei diesen Überlegungen mit weiterer Irritation – worum geht es eigentlich? Die Irritation nahm ihren Lauf und wir griffen sie auf als Thema für dieses Heft: Irritation – aus der Sicht verschiedener, für unsere Tätigkeit relevanter Disziplinen. Was sagen Theoriekonzepte dazu, was erlebt die Praxis?

Günther Gettinger (S. 4) geht gleich zu Beginn philosophisch an die Frage, ob denn jede Irritation zum Anlass von Erkenntnis werden könne (und was es dafür brauche). Wenn dies gilt, können wir auf ein erkenntnisreiches Heft schauen!

Torsten Groth (S. 9) greift, begleitet durch die Geschichte vom Wettlauf zwischen Hase und Igel, auf ein systemtheoretisches Verständnis von Irritationen zurück und kommt zum Schluss, dass es Beratungskonzepten, die mit betonter Praxisnähe überzeugen wollen, ähnlich ergehen kann wie dem Hasen auf den Feldern vor Buxtehude. Sie kommen immer zu spät. Theoriegeleitete Konzepte hingegen verfolgen eine Igel-Strategie, sie sind immer schon (doppelt) da.

Die Bereitschaft, sich irritieren zu lassen, ist auch für das psychoanalytische Verstehen zentral, gerade dort, wo sie als ein zentrales Moment des Verstehens unabdingbar wird. Christine Kirchhoff (S. 17) zeigt dies am Konzept des „szenischen Verstehens“ auf.

Wir bleiben bei den szenischen Darstellungen. Auch wenn es in der Psychodramatheorie das Konzept der bewussten Irritation nicht gibt, wie Kersti Weiß (S. 24) ausführt, beschäftigt sie sich mit Irritation in psychodramatischer Praxis und ihrer theoretischen Grundlegung.

Wenn Beratung der Entwicklung dienen soll, ist sie ohne Irritation weder zu haben noch zu machen – meint Susanne Ehmer (S. 30) in ihrem Plädoyer für eine wechselseitige bewusste Irritation zwischen Beraterin und Kunden.

Reinhard Tötschinger (S. 36) wird das Wesen der Improvisation einzukreisen versuchen, das Moment des Unvorhergesehenen beobachten, einiges auf das Management von Organisationen und Projekten übertragen und dies mit Thesen und Beobachtungen untermauern, aber keine Rezepte liefern.

Einen kleinen Side-Step finden wir mit Guido Czeija (S. 42) in der Physik, in der der Begriff der Irritation keine große Rolle spielt, sehr wohl aber die Störung.

Störung und Erregung im Sinne des Unterschiedes, der neuen Information, des Unsicheren und der sozialen Chancen nimmt Maria Spindler (S. 44) mit ihren Irritationsphänomenen der gruppendynamischen Trainingsgruppe unter die Lupe.

Mit Jochen Klein (S. 48) gibt es einen wohl eher ungewohnten Ausflug in die Werbung, bevor Helga Stattler (S. 50) ­beschreibt, wie Künstlerinnen und Künstler bei Mitarbeitenden in Organisationen Irritationen auslösen und damit zu neuen Perspektiven, Verhaltensänderungen und wirtschaftlichen sowie sozialen Innovationen führen können.

Katharina Witte (S. 56) beobachtet die versehentlichen Irritationen, die ihr als Supervisorin begegnen, und stellt fest, dass Irritationen verhindern, in Wirklichkeitskonstruktionen zu erstarren.

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, im Laufe der Lektüre mehr irritiert als erstarrt sind, war dies Absicht. In diesem Sinne wünschen wir viel Vergnügen!

Susanne Ehmer und Uta-Barbara Vogel

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Günther Gettinger  
Jede Irritation kann zum Anlass von ­Erkenntnis werden?!

Torsten Groth
Wer ist Hase und wer ist Igel?
Irritation systemtheoretisch reflektiert

Christine Kirchhoff
Irritierende Erkenntnis
Zum Stellenwert der Irritation in der Psychoanalyse

Kersti Weiß
Auf neuen Wegen

Susanne Ehmer
Plädoyer für eine wechselseitige bewusste ­Irritation –
Beraterin irritiert Kunden irritiert Berater

Literatur zum Thema

Reinhard Tötschinger
Aus dem Konzept gebracht – Improvisation als Irritation im Kontext von Organisationen

Guido Czeija
Irritation in der Physik: die Störung

Maria Spindler
Sie landen im Vakuum.
Bitte im Hier und Jetzt einchecken


Jochen Klein

Astronauten stinken nicht
Irritation in der Werbung – und was sie bewirkt

Helga Stattler
Kunst irritiert – und wirkt
Die Künstlerische Intervention als Irritation


Katharina Witte

Das Salz in der Suppe – Irritationen einer Supervisorin als Schlüssel zum Verstehen

 

Erlebter Literatur
Uta-Barbara Vogel
Pirates of the ­Caribbean

Markierungen
Martin Johnsson

supervision 1.2015:
Irritation

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