Ausgabe 1.2014
Schluss machen

Karlheinz Geißler schreibt im Editorial: „Es liegt Ihnen das erste Heft, das Anfangsheft des Jahrgangs 2014 der Zeitschrift ‚Supervision‘ vor und schon wird Schluss gemacht – thematisch glücklicherweise nur. Zugegeben, es ist ungewöhnlich, wenn zu Anfang bereits Schluss gemacht wird, aber es ist auch irgendwie normal, dass Anfang und Schluss, Ende und Beginn zusammenfallen. Silvester und Neujahr sind durch eine Schaltsekunde getrennt.“

Themen und Autoren sind u.a.:

  • Karlheinz Geißler: Die Kunst des Loslassens – Über das Gehen, das Beenden und das Abdanken
  • Winfried Münch: Abschiede – Über Niederlagen und Niedergänge
  • Jutta Menschik-Bendele: Abschied – Vom guten Ende supervisorischer Beziehungen
  • Frank Orthey: Beratung am Ende – Ende der Beratung?
  • Wolfgang Weigand: Anfang und Ende fallen im Abschied zusammen

 

Editorial


1.2014 Schluss machen

Liebe Leserin, lieber Leser!

Karlheinz Geißler: Es liegt Ihnen das erste Heft, das Anfangsheft des Jahrgangs 2014 der Zeitschrift „Supervision“, vor und schon wird Schluss gemacht – nur thematisch glücklicherweise. Zugegeben, es ist ungewöhnlich, wenn zu Anfang bereits Schluss gemacht wird, aber es ist auch irgendwie normal, dass Anfang und Schluss, Ende und Beginn zusammenfallen. Silvester und Neujahr sind durch eine Schaltsekunde getrennt.

Über Schlüsse, Abschiede, Trennungen, Endsituationen zu schreiben und zu lesen ist abergläubischen Menschen unzumutbar. Doch auch für aufgeklärte Zeitgenossen und Zeitgenossinnen, die sich frei von mystizistischen Anmutungen wähnen, ist das nicht einfach. Beim Schreiben und Lesen über Endsituationen und Abschlüsse wird man unweigerlich selbstreflexiv: Was hat das mit mir und meinem Leben zu tun? Ist man vielleicht selbst am Ende, wenn man sich mit Schlusssituationen beschäftigt, oder provoziert man es vielleicht dadurch? Ist eventuell zu erwarten, was Umberto Eco einmal in einem anderen Zusammenhang prophezeite: „Wer ein ernst zu nehmendes Buch über Frösche schreibt, wird unter Fröschen begraben werden.“ Kann, darf, soll man nach einem Heft über Abschlüsse überhaupt noch weitermachen?

Viele Fragen, wenig Antworten. So ist das bei Trennungen, bei den kleinen und den großen Toden, beim Abschiednehmen. Damit muss man leben, damit kann man aber auch leben. Dass man auch gut damit leben kann, behaupten die Autorinnen und Autoren der Beiträge in diesem Heft.

Der Mensch, da sind sich alle Anthropologen einig, ohne sich jemals darüber einig geworden zu sein, ist ein bedürftiges, zuweilen auch ein dürftiges Wesen. Das Bedürfnis, von dem das individuelle, das soziale und das gesellschaftliche Leben am stärksten beeinflusst wird, ist das Zäsurbedürfnis. Mit ihm verschafft sich der Mensch Orientierung in Raum und Zeit. In mannigfaltigen Grenzziehungsaktivitäten und Teilungsanstrengungen findet das Streben, den Abläufen und den Erscheinungen dieser Welt eine Ordnung zu geben, seinen Ausdruck. Nur dadurch lassen sich die vielen Maschendraht-, Jäger- und Lattenzäune in unserer Nahwelt überhaupt begreifen, nur so die erniedrigenden Gepäck- und Passkontrollen in unseren Zentren der Mobilität erklären.

Der Mensch pflegt sein Grenz- und Abgrenzungsbedürfnis in räumlicher und zeitlicher Hinsicht höchst unterschiedlich und in vielfältiger Art und Weise. Er tut das nicht zuletzt auch, um sich so Gelegenheiten zur Grenzüberschreitung zu schaffen, kurzum: wieder anfangen zu können. Doch seinen Zäsurbedarf agiert der Mensch nicht nur in räumlicher Hinsicht aus, er tut es auch in ethisch-moralischer Art und Weise, und exzessiv tut er es in zeitlicher Form. Diesbezüglich hat er sich im Laufe der Zivilisationsgeschichte eine Menge einfallen lassen. Im Rahmen jener Vorwärtsdynamik, für die er den Begriff des „Fortschritts“ erfunden hat, baut er seine reichhaltige Sammlung an räumlichen und zeitlichen Grenzsteinen stetig weiter aus, trennt sich aber auch hin und wieder von einem alten, verwitterten Stück. Um zeitliche Orientierungsmarken, um Anfangs- und Schlusspunkte zu setzen, hat er sich schon relativ früh in der Zivilisationsgeschichte Kalender einfallen lassen. Später dann, als er sein Bedürfnis nach Grenzziehung weiter verfeinerte und seine Lust an kleinteiligeren Zäsuren stärker kultivierte, erfand er die vom Geschehen in der Natur und im Kosmos unabhängige mechanische Uhr. Nachdem er schließlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts das gestreckte Ziffernblatt mit Namen „Terminkalender“ erfunden hat, sind es vor allem Termine, mit denen die Gehetzten dieser Welt ihren Zäsurbedarf befriedigen und von denen sie sich durch die Zeit leiten und immer häufiger auch schubsen lassen. Mitmenschen mit einer Neigung zum Dramatisieren, davon gibt es nicht wenige, erklären Termine gerne zu „Deadlines“ und machen mit dieser Übertreibung unwillentlich auf den Sachverhalt aufmerksam, dass die Zeit eine Sache von Leben und Tod ist. In der Tat, das ist sie, verlangt aber nicht zwingend nach Deadlines.

Um die Zeit, die wir wegen unseres fehlenden Zeitsinns sinnlich nicht erfassen können, trotzdem sichtbar zu machen, markieren wir das, was wir den „Fluss der Zeit“ nennen, mit Schildern. Das tun wir nicht unähnlich dem, was die Wasser- und Schifffahrtsämter mit den Bundeswasserstraßen machen. So wissen wir stets, wo wir uns befinden, und können unserer sozialen Mitwelt signalisieren, wo sie uns findet.

Um diese temporale Differenz, die ja als kalendarische Kategorie abstrakt ist, als ein sinnliches Ereignis erfahrbar zu machen, um Spuren im Gedächtnis zu hinterlassen, haben sich die Menschen im Laufe der Geschichte eine Fülle von Ritualen einfallen lassen. Wir lassen es, vom Kalender provoziert, krachen und knallen, andere Kulturen machen Umzüge, wie wir sie von Rosenmontagsveranstaltungen kennen. Wir treiben, und das nicht nur zu kalendarischen Anlässen, immer noch jene Geister aus, an die wir schon lange nicht mehr glauben, und öffnen die Tür für neue, die uns eigentlich auch egal sind. Das Verteilen von Glücksschweinen und Glückskeksen gehört ebenso zu den eingefahrenen Ritualen wie die Äußerung guter Wünsche oder die Formulierung unrealistischer Vorsätze, und die Beerdigung alter zählt auch dazu. All das machen wir, und wenn wir’s nicht gleich selber machen, dann machen wir’s zumindest mit. Wir tun das, obgleich wir als aufgeklärte Zeitgenossen doch wissen, dass das alles irgendwie Humbug ist. Trotz alledem tun wir’s und tun’s jährlich von Neuem. Nicht zuletzt, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass unser Aufklärungswissen ebenso unsicher ist wie unsere Zukunft. Schlussrituale verleihen dem Leben Stabilität. Eine Welt ohne diese wäre eine fremde Welt, eine Welt ohne Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Vertrauen. Unser Tun und Lassen wären von Argwohn infiziert, mit lähmenden Zweifeln durchsetzt, von Misstrauen behindert und durch angstbesetzte Vorsicht lahmgelegt. Keine Versicherung der Welt kann einen ähnlich umfassenden Schutz vor Unsicherheiten und Unwägbarkeiten anbieten, keine kann jene Vertrautheit garantieren, wie Rituale das tun. Und keine Versicherung würde diesen Schutz kostenlos bereitstellen. Rituale im Allgemeinen und Schlussrituale im Besonderen sind die wirkmächtigste, die einflussreichste und die kostengünstigste Rückversicherungsgesellschaft der Welt. Eine Welt ohne Rituale, ohne Konventionen wäre eine Welt ohne kulturelles Gedächtnis, ohne Orientierung, bevölkert von verlassenen und vereinsamten Menschen. Kurzum: Rituale sind das Skelett jedes sozialen ­Systems, jeder Gemeinschaft und jeder Gesellschaft.

Wir brauchen sie als Geländer, an denen wir uns bei unseren Berg-und-Tal-Wanderungen durch die Zeit, über Anfänge und Abschlüsse einen relativ festen Halt verschaffen.

 

Winfried Münch: „Schluss machen“ wird dieses Themenheft genannt. Ergänzte man diese zwei Worte durch ein Ausrufungszeichen, entstünde daraus ein auffordernder Satz, der bedeuten würde, jetzt gleich aufzuhören, gewissermaßen vor dem Weiteren einen Schlusspunkt zu setzen. Das wäre nichts weiter als ein logischer und linguistischer Formalismus, wenn die Verfasser dieses Editorials nicht selbst in einem Alter wären, wo sie Grund hätten, ernsthaft an das Schlussmachen zu denken. Folglich zögert man bereits am Anfang, stockt sozusagen vor der Zukunft, die erschreckt und in Angstzustände versetzt. Aus diesem Dilemma käme man nur, wenn man sich, so etwa schreibt ­Cioran, an eine Zeit ohne Zukunft klammere, an eine enthauptete Zeit (In: Die verfehlte Schöpfung, S. 67 f.).

Natürlich wollen wir die Zeit nicht enthaupten, vielmehr darauf hinweisen, dass man im eigenen Selbst intensiv von Themen berührt wird, an denen man sich persönlich nicht vorbeimogeln kann. Das ist an sich nichts Neues und gehört zur supervisorischen Arbeit, nämlich dass wir stets mit den Themen unserer Klienten auf irgendeine Weise verwickelt sind, eine Verwicklung im Sinne gegenseitigen Hineinwirkens, bei der wir gehalten sind, unsere Eigenbeteiligungen zur kritischen Selbstreflexion zu bringen. Kurz und gut, wir sind an allem höchstpersönlich beteiligt, bei dem es um menschliche Themen geht. Dazu gehört fraglos das Schlussmachen, zählen ebenso Themen, die sich mit persönlichen Niederlagen und Niedergängen beschäftigen, bei denen man, gleich dem griechischen Labyrinth, als ein anderer herauskommt, als man hineingeraten war.

Während das normale Schlussmachen, an performativ szenische Rituale gebunden, ein friedfertiges, zukunftsgerichtetes Auseinandergehen ermöglicht, das gute Erinnerungen hinterlässt und Wiederanknüpfung erlaubt, gelingt das bei einem Schluss, der aus Ärger und Missverstehen herbeigeführt worden ist, keineswegs. Ein solcher Schluss, dem die rituelle Ordnung des freundlichen Abschiednehmens fehlt, lässt Schuldgefühle sowie Schuldvorwürfe zurück – normalerweise auf beiden Seiten. Und er ist auch insofern kein befriedigender, als er künftighin, wenn die ungute Erinnerung wieder wach werden wird, den verschluckten Ärger und die gestaute Wut erneut an die Oberfläche bringt.

Gelingendes Schlussmachen, das normalerweise mit einem freundlichen Auseinandergehen verbunden ist, hingegen ermöglicht, jene getrennten Objekte als gute innerlich zu bewahren, sodass man sich im Guten an sie erinnern kann, woraus zugleich ein reicher innerer, vielfältiger Schatz entsteht, den jede Supervisorin und jeder Supervisor in sich trägt, an den sie sich bis an das Lebensende immer mal wieder erinnern werden.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen!

Karlheinz Geißler und Winfried Münch

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Karlheinz Geißler
Die Kunst des Loslassens
Über das Gehen, das Beenden und das Abdanken

Winfried Münch
Abschiede
Über Niederlagen und Niedergänge

Jutta Menschik-Bendele
Abschied
Vom guten Ende supervisorischer Beziehungen

Frank Michael Orthey
Beratung am Ende – Ende der Beratung?    
Abschlüsse in der Beratung

Wolfgang Weigand
Abschied und Aufbruch

 

Freier Beitrag

Marina Granzow, Michael Tiaden
Kompetenzerwerbserwartung Studierender an Coaching/Supervision
Über den Kompetenzerwerb an Hochschulen jenseits des curricularen Tellerrandes

 

Markierungen

Jochen Bendele
Leben heißt ­Abschiednehmen

 

Erlebte Literatur

Barbara Tobler
Arno Geiger – Der alte König in seinem Exil

 

Rezension

Günter Rother
Florian Opitz – Speed. Auf der Suche nach der ­verlorenen Zeit.  

Walter Schuster
Rolf Haubl, Brigitte Hausinger, G. Günter Voß (Hg.) – Riskante Arbeitswelten

Impressum

supervision 1.2014
Schluss machen

Stückpreis: 12,50 EUR
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