Ausgaben 2014

Ausgabe 4.2014
Supervision macht Sinn

Sinnfragen sind einfach zu stellen, weil sie überall vorkommen; sie sind gleichzeitig schwierig zu beantworten, weil sie so allgemein, subjektiv und gelegentlich trivial sind. Das gilt auch für das Feld der Beratung und Supervision. Bekanntlich stellen immer mehr Ratsuchende Fragen nach der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit, ihres Handelns, ihres Lebens. Früher haben sich die Supervisoren für nicht zuständig erklärt.

Editorial

Die Sinnfrage –
nun auch in der Supervision

Sinnfragen sind einfach zu stellen, weil sie überall vorkommen; sie sind gleichzeitig schwierig zu beantworten, weil sie so allgemein, subjektiv und gelegentlich trivial sind.
Das gilt auch für das Feld der Beratung und Supervision. Bekanntlich stellen immer mehr Ratsuchende Fragen nach der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit, ihres Handelns, ihres Lebens.
Früher haben sich die Supervisoren für nicht zuständig erklärt mit der Begründung, dass jeder die Fragen nach der Sinnhaftigkeit seiner Existenz selbst beantworten muss, der Supervisor sei dafür kein Experte und wolle auch nicht im Sinne einer Glaubensrichtung oder sonstigen Erlösungshoffnung beraten. Dies sei die subjektive Entscheidung des Ratsuchenden, die er in seiner Konsequenz durchaus in der Supervision besprechen könne, aber die man ihm nicht durch Beratung abnehmen könne.

Da hat sich etwas geändert. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, nicht zuletzt die Relativierung oder gar der Ausfall sinngebender Institutionen wie z. B. Kirchen haben dazu geführt, dass gestellte, aber nicht oder nicht befriedigend beantwortete Sinnansprüche keine Antwort mehr erhalten. Auf die Kompensation solcher unbeantworteter Sinnfragen durch esoterische, skurrile und zweifelhafte spirituelle Bewegungen soll hier nur hingewiesen werden. Sie zeigen jedenfalls, dass unbeantwortete Sinnfragen auch beim Ausfall religiöser Institutionen oder bei unzureichend aufklärerischer Anstrengung weiterhin gestellt werden und eher Konjunktur erhalten.

Was tun also Supervisoren mit den Fragen, die sich aus unbefriedigenden Arbeitsverhältnissen, nicht gelingender Lebensgestaltung oder einer allgemeinen Unzufriedenheit über die gesellschaftlichen Bedingungen ergeben?
Es ist vielleicht gut, zunächst einmal festzuhalten, was trotz dieser Entwicklung auch künftig in den Beratungsstuben nicht getan werden sollte: Supervision ist kein Ort der Missionierung und Verkündigung irgendeiner Heilsbotschaft. Supervision ersetzt nicht eine gewünschte Befriedigung spiritueller oder religiöser Bedürfnisse und ist letztendlich auch nicht in der Lage, tiefer gehende Sinnkrisen zu bearbeiten.

Sie kann aber dazu dienen, die Sinnfragen des Ratsuchenden zu akzeptieren, sie zu verstehen, Empathie für das Sinndefizit zu entwickeln, deutlich werdende Problemverschiebungen aufzuzeigen und die tatsächliche Sinnfrage zu formulieren. Der Ratsuchende möchte gerade in den komplizierten Regionen zwischen Glaube und Vernunft ernst genommen werden (vgl. V. Gerhardt, S. 46).

Deshalb haben wir dieses Supervisionsheft gemacht, um Perspektiven zu eröffnen, in denen über die Sinnfrage in der Beratung gedacht, geredet und gehandelt werden könnte.
Michael Klessmann (S. 4) legt die Grundlage zum Diskurs, indem er die Frage beantwortet, inwieweit die Sinndimension in der Supervision bedeutsam ist. Er differenziert anthropologische Grundannahmen, die zeigen, dass die Sinnfrage schon immer in der Supervision vorhanden, vielleicht aber zu wenig reflektiert war. Grund genug, diese schwierige Diskussion zu führen, da ihre Praxis- und Marktrelevanz erst langsam deutlich wird.

In einer jüngst vorgelegten Dissertation an der Uni Oldenburg befasst sich Hannah Schulz (S. 14) mit der Frage, ob man eine Sinnkompetenz definieren kann, die sich für den Umgang und die Auseinandersetzung mit Sinnthemen in allen Lebensbereichen als nützlich erweist. Dann könnte Supervision nicht nur Sinnfragen bearbeiten, sondern eine Sinnkompetenz vermitteln. Ihre Darlegungen helfen dabei, den Sinnbegriff durch seine Differenzierung schärfer zu fassen und damit für den Diskurs handhabbar zu machen.

Winfried Münch (S. 18) muss die Sinndimension nicht als eine Perspektive supervisorischer Arbeit untersuchen, da er ­Supervison insgesamt als sinnstiftende Lebensform betrachtet. Mit dem Sprechen und dem Sprachspiel, das uns den Sinn eröffnet, sind ein Verstehens- und Erkenntnisprozess zur Sinnsuche verbunden. Unser supervisorisches Gespräch, unser Sprechen müssen Sinn erzeugen.

Die philosophische Sprechweise des Autors mag manchmal herausfordern, sie ist in jedem Fall wohltuend, da sie dem Begriff auf den Grund geht, ihn am Bild und Märchen illustriert und so auf ganz andere Weise pragmatisch wird.

Wenn Supervision an ihre Grenzen stößt, dann scheint die Sinnfrage zunächst einmal negativ beantwortet. Warum aber? Ohne das Scheitern durch die Hintertür als sinnvoll zu betrachten, ist es keinesfalls sinnlos. Der Beitrag von Inge Zimmer-Leinfelder/Franz X. Leinfelder (S. 25) regt an, dieser Frage nachzugehen und den Zusammenhang von Scheitern, Grenzerfahrung und Sinnhaftigkeit zu untersuchen. Sinnvoll ist es allemal bei soviel Erfolgsberichten über Beratung, etwas über ihre Grenzen zu lesen.

Der Feststellung, dass Werte Sinn stiften, kann man schnell zustimmen. Schwierig wird es, wenn man in der Praxis aufspüren will, wo Werte praxisbestimmend sind und dem Leben Sinn geben. Ferdinand Buer hat kürzlich in einem Beitrag für die OSC (1/2014) zehn richtungsweisende Werte formuliert, die seiner Beratung Sinn verliehen haben. Dazu stellt Wolfgang Weigand (S. 32) kritische Fragen an den Autor. Da sich Ferdinand Buer vom Publizieren verabschieden möchte, sind wir ihm besonders dankbar, dass er nochmals mit seinen Antworten eine Plattform zum Diskurs bietet.

Eine völlig andere Perspektive eröffnet Bernd Jansen (S. 35) zum Thema, indem er in einem sehr persönlichen und damit mutigen Rückblick die unterschiedlichen Erfahrungen, die er im Laufe von Ausbildung und kollegialer Auseinandersetzung mit seinen Supervisionslehrern und Kollegen gemacht hat, auf sehr beziehungsreiche Weise darstellt und berufsbiografisch ­reflektiert. Werteentwicklung wird dadurch zu einem konkreten und beziehungsdynamischen Thema, das nicht abstrakt und blutleer bleibt, sondern berührt und herausfordert.

Der Supervisor beginnt seine Arbeit am praktischen Fall, z. B. mit einem beruflichen Erfahrungsbericht von Josef Blaufuß (S. 41), der sein berufliches Leben in Institutionen nach seiner Sinnhaftigkeit befragt. Er tut dies persönlich, auf direkte Art und Weise und versucht, den Spagat zwischen Identifikation und Distanz zu Organisationen, in denen er arbeitete, durchzuhalten; so fällt es nicht schwer, sich mit ihm zu identifizieren und sich in vielen Erfahrungen, von denen er berichtet, wiederzufinden.

Wenn Organisation und Transzendenz in Verbindung gesetzt werden, weckt das Neugierde, zumal der Autor Eberhard ­Tiefensee (S. 48) philosophisch zu argumentieren vermag. ­Begründet er damit den Sinn von Organisationen? Es ist in jedem Fall erhellend, seinen Perspektivwechsel der Organisation mitzuvollziehen, da sie ja immer noch trotz vieler gegenteiliger Versuche als Behinderung professioneller Arbeit betrachtet wird.

Vergnüglich ist es, in den „Markierungen“ zu lesen: Wir brauchen Schuhe, Nudeln, Betten und selbst gewählte Tätigkeiten. Aber brauchen wir Arbeit?, oder: Wie Thomas Vogl den Sinn für Arbeit in Frage stellt.

Unter „Erlebte Literatur“ gibt es einen Text von Gasdanow, in dem Gott um Hilfe gebeten wird, die Sinnfrage nicht zu stellen.

Insgesamt haben Sie, liebe Leser, also ein Heft vor sich, das offensichtlich Sinn hat, der bisweilen nicht erkennbar ist, in jedem Fall umstritten und der nicht nur Gegenstand von Salongesprächen, sondern des supervisorischen Diskurses, noch mehr zum Gegenstand der Supervision selbst werden sollte.

Wolfgang Weigand, Winfried Münch

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Michael Klessmann
Die Sinndimension in der Supervision

Hannah Anita Schulz    
Sinnkompetenz durch Supervision

Winfried Münch
Supervision als sinnstiftende Lebensform

Inge Zimmer-Leinfelder und Franz X. Leinfelder
Wenn Supervision an ihre Grenzen stößt …

aus: H. D. Hüsch: Das Schwere leicht gesagt
Der Sinn des Lebens

Interview mit Ferdinand Buer
Beratung macht Sinn, wenn sie sich an richtungsweisenden Werten orientiert

Bernd Jansen    
Werteentwicklung

Josef Blaufuß  
Sinnvoll in Institutionen überleben?

Der Sinn als Brücke zwischen Glaube und Vernunft

Eberhard Tiefensee
Wo eröffnet sich in Organisationen Transzendenz?

Markierungen
Thomas Vogl
Haben Sie einen Sinn für Arbeit?

Erlebte Literatur
„Und Gott bewahre dich vor dem ­Gedanken, wieso du das alles machst“    
Gaito Gasdanow: Ein Abend bei Claire

Rezension
Dirk Bayas-Linke
Rudolf Wimmer/Katrin Glatzel/Tania Lickeweg (Hg.):
Beratung im Dritten Modus
Die Kunst, Komplexität zu nutzen

supervision 4.2014
Supervision macht Sinn

Stückpreis: 12,50 EUR
(inkl. 7,00% MwSt. und zzgl. Versandkosten)

Ausgabe 3.2014
Hochschulen gut beraten?!

Im Zuge der Professionalisierung von Beratung sind Hochschulen für die Beratungsszene vor allem hinsichtlich zweier Aspekte interessant: Forschung und Ausbildung. An Hochschulen unterschiedlichsten Typs wird zu für die Beratungspraxis relevanten Fragenstellungen geforscht und damit Wissen generiert, zu dem sich Beraterinnen und Berater in zunehmenden Maße in welcher Form auch immer verhalten müssen. Zugleich haben viele von uns an der Hochschule ihre Sozialisation in einer Primärdisziplin oder gar der Beratungswissenschaft erfahren. Nicht verwunderlich ist vor diesem Hintergrund, dass wir als Beraterinnen und Berater zur Hochschule ein mehr oder weniger affektiv besetztes Verhältnis haben. Darum soll es in diesem Heft aber nicht gehen. Vielmehr wird der Handlungsraum Hochschule als (potenzielles) Tätigkeitsfeld für Beraterinnen und Berater vorgestellt. Die Beiträge des vorliegenden Heftes orientieren sich dazu an folgenden Leitfragen:

  • Sind Hochschulen ein potenzieller Markt für Beraterinnen und Berater, dessen Erschließung lohnt?
  • Wie könnte der Markt erschlossen werden?
  • Was unterscheidet Hochschulen von anderen Beratungs­feldern?
  • Was wären potenzielle, was sind aktuelle Beratungsanlässe und wer wird an Hochschulen gegenwärtig vor allem beraten?

 

Editorial


3.2014 Hochschulen gut beraten?!
Liebe Leserin, lieber Leser!

Im Zuge der Professionalisierung von Beratung sind Hochschulen für die Beratungsszene vor allem hinsichtlich zweier Aspekte interessant: Forschung und Ausbildung. An Hochschulen unterschiedlichsten Typs wird zu für die Beratungspraxis relevanten Fragenstellungen geforscht und damit Wissen generiert, zu dem sich Beraterinnen und Berater in zunehmenden Maße in welcher Form auch immer verhalten müssen. Zugleich haben viele von uns an der Hochschule ihre Sozialisation in einer Primärdisziplin oder gar der Beratungswissenschaft erfahren. Nicht verwunderlich ist vor diesem Hintergrund, dass wir als Beraterinnen und Berater zur Hochschule ein mehr oder weniger affektiv besetztes Verhältnis haben. Darum soll es in diesem Heft aber nicht gehen. Vielmehr wird der Handlungsraum Hochschule als (potenzielles) Tätigkeitsfeld für Beraterinnen und Berater vorgestellt. Die Beiträge des vorliegenden Heftes orientieren sich dazu an folgenden Leitfragen:

  • Sind Hochschulen ein potenzieller Markt für Beraterinnen und Berater, dessen Erschließung lohnt?
  • Wie könnte der Markt erschlossen werden?
  • Was unterscheidet Hochschulen von anderen Beratungs­feldern?
  • Was wären potenzielle, was sind aktuelle Beratungsanlässe und wer wird an Hochschulen gegenwärtig vor allem beraten?

Über diese spezifischen Fragen hinaus diskutieren die Autoren direkt oder indirekt Problemstellungen, die die Beratungszunft nicht nur im besonderen Handlungsfeld Hochschule umtreiben, sondern auch im Allgemeinen beschäftigen: so etwa die Frage der Feldkompetenz, die Frage der Differenz von Supervision und Coaching oder die Frage, was professionelle Beratung auszeichnet. In diesem Sinne könnte dieses Heft auch heißen: Hochschule – besonderes oder allgemeines Handlungsfeld für Berater?

Tilman Allert (S. 6) arbeitet institutionelle und organisationale Besonderheiten des Handlungsraums Universität heraus und stellt fest, dass Streit für diesen konstitutiv ist. Gleichzeitig skizziert er allgemeine Bewegungen der modernen Arbeitswelt und überlegt, wie professionelle Beratung darauf reagiert und reagieren kann. Abschließend konzeptionalisiert er Beratung und Supervision als Professionalisierung des „blinden Sehens“. Heike Kahlert (S. 12) fokussiert auf den wissenschaftlichen Nachwuchs als Zielgruppe berufsbezogener Beratung. Einer Syste­matik von Kornelia Rappe-Giesecke folgend, unterscheidet sie dazu die Beratungsformen Supervision, Coaching und Karriereberatung und stellt mögliche Beratungssettings vor. Abschließend stellt sie fest, dass sich Hochschule und Forschung ihrer Erfahrung nach nur zögerlich für die berufsbezogene Beratung öffnen. Iris Koall und Sabine Wengelski-Strock (S. 18) zeigen und systematisieren vor dem Hintergrund langjähriger Beratungserfahrungen an nordrhein-westfälischen Hochschulen, wie Gruppensupervision im Rahmen von Qualifikationsprozessen in der Wissenschaft eine reflexive Kompetenzentwicklung – mit dem Ziel einer Emanzipation und Positionierung in einer Scientific Community – ermöglichen. Andreas Nolten (S. 27) verdeutlicht, wie die Entwicklung des Curriculums eines neuen Studiengangs durch einen Berater begleitet werden kann. Er fasst sechs Interviews zusammen, in denen einige der beteiligten Akteure rückblickend den Prozess der begleiteten Curriculumentwicklung betrachten, und schließt mit einem streitbaren Kommentar zum Prozessverlauf. In einem Interview erläutert Monika Klinkhammer (S. 36)  lebhaft, was sie an Beratung im Hochschulbereich fasziniert, warum Hochschulen für Berater interessant sein sollten, welche neuen Entwicklungen zu beobachten sind, welche Honorare gezahlt werden und wie man Zugang zum Feld findet. Einen wesentlichen Aspekt im Kontext Hochschule aufgreifend, setzt sich Gerhard Wittenberger (S. 41) im freien Beitrag mit psychoanalytischen Überlegungen zum Lernen auseinander. In den Markierungen debattieren die verantwortlichen Redakteure für dieses Heft schließlich über die Frage der Feldkompetenz am Beispiel des Hochschulbereichs.

Mit der Lektüre des Heftes zu Ende gekommen, wird sich die Aussage und Frage „Hochschulen gut beraten?!“ sicherlich nicht in eine Richtung aufgelöst haben. Wir hoffen vielmehr, Ihnen einen Einblick in den Diskurs um Beratung im Hochschulfeld zu bieten, der es Ihnen ganz im Sinne eines guten Reise­führers ermöglicht, sich einstweilen zurechtzufinden, sollten Sie morgen ein Erstgespräch an einer Hochschule führen. Sie sind herzlich eingeladen, sich an der Debatte um angemessene Beratung an Hochschulen zu beteiligen. Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

Ronny Jahn, Monika Klinkhammer, Andreas Nolten und Mirjam Weigand

Inhaltsverzeichnis


Editorial

Monika Klinkhammer
Statistiken zum Beratungsmarkt Hochschule

Tilman Allert
Der Handlungsraum Universität und die Praxis der Beratung    

Heike Kahlert
Beratung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Hochschule und Forschung: Bedingungen, Themen und Formate

Iris Koall/Sabine Wengelski-Strock
„Und dann schrieb die Arbeit sich wie von selbst“
Die wissenschaftliche Qualifikation als professioneller Reflexionsprozess durch Gruppensupervision

Andreas Nolten
Begleitete Curriculumentwicklung
Eindrücke und Erfahrungen der Beteiligten

Interview mit Monika Klinkhammer
Motivierte Klienten in einem großen Markt

Freier Beitrag
Gerhard Wittenberger
Psychoanalytisches zum Thema Lernen

Markierungen
Ronny Jahn, Monika Klinkhammer, Andreas Nolten und Mirjam Weigand
E-Mail-Diskussion zur Frage der Feldkompetenz

Erlebte Literatur
Andreas Nolten
Philipp Schönthaler
Das Schiff, das singend zieht auf seiner Bahn

Impressum

Rezension
Mathias Lohmer, Heidi Möller
Psychoanalyse in ­Organisationen. Einführung in die psychodynamische Organisationsberatung.

Nachruf
Jörg Fellermann

supervision 3.2014
Hochschulen gut beraten?!

Stückpreis: 12,50 EUR
(inkl. 7,00% MwSt. und zzgl. Versandkosten)

Ausgabe 2.2014
Kooperationen

Aus dem Editorial: „Anlass für das Thema dieses Heftes ist die Tatsache, dass in komplexen Organisationen immer häufiger unterschiedliche supervisorische und supervisionsähnliche Beratungsansätze parallel praktiziert werden. Dieser – bisher wenig beschriebene – wachsende Einzug von Supervision in manchen Organisationen (z. B. Krankenhäusern) hat zur Folge, dass Supervisor/-innen ­einander direkt und indirekt in den Feldern der beauftragenden Organisationen begegnen.“

Autoren und Themen sind unter anderem:

  • Harald Payer: Erfolgsfaktor K. Formen und Merkmale von Kooperation
  • Robert Erlinghagen, Edeltrud Freitag-Becker: Kooperationen in komplexen Organisationen. Verdeutlicht am Beispiel Krankenhaus
  • Andrea Sanz: Kooperation unter Supervisor/-innen. Markante Ergebnisse aus sechs Interviews
  • Angela Gotthardt-Lorenz: Die kooperative Gestalt und Gestaltung von Organisationssupervision
  • Birgit Riel-Brandstetter: Ein etwas anderer Weg der Supervisorinnennachfolge in einer Organisation – Aus der Sicht der Nachfolgerin

Editorial


2.2014 Kooperationen
Liebe Leserin, lieber Leser!

Anlass für das Thema dieses Heftes ist die Tatsache, dass in komplexen Organisationen immer häufiger unterschiedliche supervisorische und supervisionsähnliche Beratungsansätze parallel praktiziert werden. Dieser – bisher wenig beschriebene – wachsende Einzug von Supervision in manchen Organisationen (z. B. Krankenhäusern) hat zur Folge, dass Supervisor/-innen ­einander direkt und indirekt in den Feldern der beauftragenden Organisationen begegnen.

Tragen wir dem Fakt Rechnung, dass Kooperationsbeziehungen in Organisationen in der Regel Gegenstand unserer Aufträge sind, und beziehen wir unsere Erfahrung ein, dass diese häufig konflikthaft sind, stellt sich gleichermaßen die Frage, ob es nicht auch in unserer Verantwortung liegt, analog kooperative Arbeitsbeziehungen im Dienste der Entwicklung der Gesamtorganisation einzugehen, uns neu zu organisieren und Kooperationsprojekte beim Auftraggeber anzuregen bzw. zu gestalten. Solche und ähnliche Fragen tauchen in der Fachliteratur bisher nur am Rande auf, wenn im Kontext anderer Themen die Kooperation und Vernetzung von Supervisor/-innen und Berater/-innen anderer Disziplinen als notwendig und sinnvoll bezeichnet werden.

Zur Thematik „Kooperationen unter Supervisior/-innen“ bietet dieses Heft drei „Cluster“ mit unterschiedlichen Zugängen, abgerundet mit einem Blick auf das Kooperationsmodell ­„Orchester“ (Markierungen von Ingrid Walther [S. 60] ).

In einem ersten Cluster setzen sich drei Autoren/-innen mit grundlegenden Überlegungen zum Thema Kooperation und Organisation auseinander. Harald Payer (S. 4) räumt Kooperation in seinem Beitrag erfolgsfaktor k – formen und merkmale von kooperation den Stellenwert einer Schlüsselkompetenz der Zukunft ein. Edeltrud Freitag-Becker und Robert Erlinghagen (S. 11) verdeutlichen Kooperationen in komplexen Organisationen am Beispiel Krankenhaus.

Cluster zwei nimmt die Erfahrungen, die mit Kooperation in einer organisationssupervisorischen Perspektive einhergehen, empirisch und theoretisch in den Fokus. Andrea Sanz (S. 20) veröffentlicht in diesem Heft eigene Forschungen zum Phänomen der Kooperation unter Supervisor/-innen. Über die Ergebnisse der in Wien und Hamburg geführten Interviews werden im Detail die Herausforderungen an die Profession sichtbar. Angela Gotthardt-Lorenz (S. 30) systematisiert in ihrem Beitrag zur kooperativen Gestalt und Gestaltung von Organisationssupervision diese professionellen Anforderungen und stellt hierfür eine konzeptionelle Rahmung zur Verfügung.
Cluster drei nimmt aktuelle Fragestellungen der Supervision auf, bei denen Kooperationen in besonderer Weise indiziert sind. Aufgezeigt wird zunächst in dem Beitrag Ausrichtung der Supervision am Thema Gesundheit – Neue Anforderungen an Kooperation von Maija Becker-Kontio und Marie-Luise Schwennbeck (S. 37), wie die Ausrichtung der beratenden Tätigkeit von Supervisor/-innen an der aktuellen Thematik „Gesundheit am Arbeitsplatz“ an vielen Stellen die Verzahnung mit anderen Arbeitsansätzen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordert. Weiterhin werden in Cluster drei konkrete Projekte zur Kooperation von Supervisor/-innen näher in Augenschein genommen: Den ersten Beitrag dazu liefert Stefanie Widmann (S. 45). Sie behandelt die direkte kollegiale Kooperation in der Supervision unter dem Titel Zu zweit mit dem Team – Von der Kooperation in der Co-Supervision. Birgit Riel-Brandstetter (S. 48) zeigt anhand eines Projektes, in dem sie als nachfolgende Supervisorin involviert ist, wie der Supervisorenwechsel kooperativ gestaltet werden kann. Die Entwicklungsgeschichte der Kooperation zwischen zwei genuin fremden Organisationen, dem Wiener Krankenanstaltenverbund und dem Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik (ÖAGG), zu organisationellen Supervisionsangeboten wird von Ingrid Krafft-Ebing und Verena Krassnitzer (S. 51) beschrieben. Wolfgang Knopf und Sijtze de Roos (S. 56) zeigen, wie in der Vorstandsarbeit der Association of National Organization for Supervision in Europe (ANSE) Kooperationen auf dem diskursiven Weg gestaltet werden.

Wir hoffen, Sie mit den unterschiedlichen Beiträgen zu inspirieren, und würden uns freuen, wenn durch dieses Heft weitere Auseinandersetzungen zur Frage der Kooperationen unter Supervisor/-innen angeregt werden.

Angela Gotthardt-Lorenz und Andrea Sanz

Inhaltsverzeichnis


Editorial

Harald Payer
Erfolgsfaktor K
Formen und Merkmale von Kooperation

Robert Erlinghagen, Edeltrud Freitag-Becker
Kooperationen in komplexen Organisationen
Verdeutlicht am Beispiel Krankenhaus

Andrea Sanz
Kooperation unter Supervisor/-innen
Markante Ergebnisse aus sechs Interviews

Angela Gotthardt-Lorenz
Die kooperative Gestalt und Gestaltung von Organisationssupervision

Maija Becker-Kontio, Marie-Luise Schwennbeck
Ausrichtung der Supervision am Thema ­Gesundheit
Neue Anforderungen an Kooperation

Stefanie Widmann
Zu zweit mit dem Team
Von der Kooperation in der Co-Supervision

Birgit Riel-Brandstetter
Ein etwas anderer Weg der Supervisorinnennachfolge in einer Organisation – Aus der Sicht der Nachfolgerin

Ingrid Krafft-Ebing, Verena Krassnitzer
Kooperation zwischen zwei genuin fremden Organisationen.
Wiener Krankenanstaltenverbund und ÖAGG – Ein Entwicklungsbericht

Wolfgang Knopf, Sijtze de Roos
Kooperation innerhalb der europäischen Supervisionsszene.
ANSE – diskursiv unterwegs

Markierungen
Ingrid Walther
Harmonische Teams!? Zusammenarbeit im Streichquartett und im Orchester

Erlebte Literatur
Mandana Kerschbaumer
Muriel Barbery, Die Eleganz des Igels

Impressum

supervision 2.2014
Kooperationen

Stückpreis: 12,50 EUR
(inkl. 7,00% MwSt. und zzgl. Versandkosten)

Ausgabe 1.2014
Schluss machen

Karlheinz Geißler schreibt im Editorial: „Es liegt Ihnen das erste Heft, das Anfangsheft des Jahrgangs 2014 der Zeitschrift ‚Supervision‘ vor und schon wird Schluss gemacht – thematisch glücklicherweise nur. Zugegeben, es ist ungewöhnlich, wenn zu Anfang bereits Schluss gemacht wird, aber es ist auch irgendwie normal, dass Anfang und Schluss, Ende und Beginn zusammenfallen. Silvester und Neujahr sind durch eine Schaltsekunde getrennt.“

Themen und Autoren sind u.a.:

  • Karlheinz Geißler: Die Kunst des Loslassens – Über das Gehen, das Beenden und das Abdanken
  • Winfried Münch: Abschiede – Über Niederlagen und Niedergänge
  • Jutta Menschik-Bendele: Abschied – Vom guten Ende supervisorischer Beziehungen
  • Frank Orthey: Beratung am Ende – Ende der Beratung?
  • Wolfgang Weigand: Anfang und Ende fallen im Abschied zusammen

 

Editorial


1.2014 Schluss machen

Liebe Leserin, lieber Leser!

Karlheinz Geißler: Es liegt Ihnen das erste Heft, das Anfangsheft des Jahrgangs 2014 der Zeitschrift „Supervision“, vor und schon wird Schluss gemacht – nur thematisch glücklicherweise. Zugegeben, es ist ungewöhnlich, wenn zu Anfang bereits Schluss gemacht wird, aber es ist auch irgendwie normal, dass Anfang und Schluss, Ende und Beginn zusammenfallen. Silvester und Neujahr sind durch eine Schaltsekunde getrennt.

Über Schlüsse, Abschiede, Trennungen, Endsituationen zu schreiben und zu lesen ist abergläubischen Menschen unzumutbar. Doch auch für aufgeklärte Zeitgenossen und Zeitgenossinnen, die sich frei von mystizistischen Anmutungen wähnen, ist das nicht einfach. Beim Schreiben und Lesen über Endsituationen und Abschlüsse wird man unweigerlich selbstreflexiv: Was hat das mit mir und meinem Leben zu tun? Ist man vielleicht selbst am Ende, wenn man sich mit Schlusssituationen beschäftigt, oder provoziert man es vielleicht dadurch? Ist eventuell zu erwarten, was Umberto Eco einmal in einem anderen Zusammenhang prophezeite: „Wer ein ernst zu nehmendes Buch über Frösche schreibt, wird unter Fröschen begraben werden.“ Kann, darf, soll man nach einem Heft über Abschlüsse überhaupt noch weitermachen?

Viele Fragen, wenig Antworten. So ist das bei Trennungen, bei den kleinen und den großen Toden, beim Abschiednehmen. Damit muss man leben, damit kann man aber auch leben. Dass man auch gut damit leben kann, behaupten die Autorinnen und Autoren der Beiträge in diesem Heft.

Der Mensch, da sind sich alle Anthropologen einig, ohne sich jemals darüber einig geworden zu sein, ist ein bedürftiges, zuweilen auch ein dürftiges Wesen. Das Bedürfnis, von dem das individuelle, das soziale und das gesellschaftliche Leben am stärksten beeinflusst wird, ist das Zäsurbedürfnis. Mit ihm verschafft sich der Mensch Orientierung in Raum und Zeit. In mannigfaltigen Grenzziehungsaktivitäten und Teilungsanstrengungen findet das Streben, den Abläufen und den Erscheinungen dieser Welt eine Ordnung zu geben, seinen Ausdruck. Nur dadurch lassen sich die vielen Maschendraht-, Jäger- und Lattenzäune in unserer Nahwelt überhaupt begreifen, nur so die erniedrigenden Gepäck- und Passkontrollen in unseren Zentren der Mobilität erklären.

Der Mensch pflegt sein Grenz- und Abgrenzungsbedürfnis in räumlicher und zeitlicher Hinsicht höchst unterschiedlich und in vielfältiger Art und Weise. Er tut das nicht zuletzt auch, um sich so Gelegenheiten zur Grenzüberschreitung zu schaffen, kurzum: wieder anfangen zu können. Doch seinen Zäsurbedarf agiert der Mensch nicht nur in räumlicher Hinsicht aus, er tut es auch in ethisch-moralischer Art und Weise, und exzessiv tut er es in zeitlicher Form. Diesbezüglich hat er sich im Laufe der Zivilisationsgeschichte eine Menge einfallen lassen. Im Rahmen jener Vorwärtsdynamik, für die er den Begriff des „Fortschritts“ erfunden hat, baut er seine reichhaltige Sammlung an räumlichen und zeitlichen Grenzsteinen stetig weiter aus, trennt sich aber auch hin und wieder von einem alten, verwitterten Stück. Um zeitliche Orientierungsmarken, um Anfangs- und Schlusspunkte zu setzen, hat er sich schon relativ früh in der Zivilisationsgeschichte Kalender einfallen lassen. Später dann, als er sein Bedürfnis nach Grenzziehung weiter verfeinerte und seine Lust an kleinteiligeren Zäsuren stärker kultivierte, erfand er die vom Geschehen in der Natur und im Kosmos unabhängige mechanische Uhr. Nachdem er schließlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts das gestreckte Ziffernblatt mit Namen „Terminkalender“ erfunden hat, sind es vor allem Termine, mit denen die Gehetzten dieser Welt ihren Zäsurbedarf befriedigen und von denen sie sich durch die Zeit leiten und immer häufiger auch schubsen lassen. Mitmenschen mit einer Neigung zum Dramatisieren, davon gibt es nicht wenige, erklären Termine gerne zu „Deadlines“ und machen mit dieser Übertreibung unwillentlich auf den Sachverhalt aufmerksam, dass die Zeit eine Sache von Leben und Tod ist. In der Tat, das ist sie, verlangt aber nicht zwingend nach Deadlines.

Um die Zeit, die wir wegen unseres fehlenden Zeitsinns sinnlich nicht erfassen können, trotzdem sichtbar zu machen, markieren wir das, was wir den „Fluss der Zeit“ nennen, mit Schildern. Das tun wir nicht unähnlich dem, was die Wasser- und Schifffahrtsämter mit den Bundeswasserstraßen machen. So wissen wir stets, wo wir uns befinden, und können unserer sozialen Mitwelt signalisieren, wo sie uns findet.

Um diese temporale Differenz, die ja als kalendarische Kategorie abstrakt ist, als ein sinnliches Ereignis erfahrbar zu machen, um Spuren im Gedächtnis zu hinterlassen, haben sich die Menschen im Laufe der Geschichte eine Fülle von Ritualen einfallen lassen. Wir lassen es, vom Kalender provoziert, krachen und knallen, andere Kulturen machen Umzüge, wie wir sie von Rosenmontagsveranstaltungen kennen. Wir treiben, und das nicht nur zu kalendarischen Anlässen, immer noch jene Geister aus, an die wir schon lange nicht mehr glauben, und öffnen die Tür für neue, die uns eigentlich auch egal sind. Das Verteilen von Glücksschweinen und Glückskeksen gehört ebenso zu den eingefahrenen Ritualen wie die Äußerung guter Wünsche oder die Formulierung unrealistischer Vorsätze, und die Beerdigung alter zählt auch dazu. All das machen wir, und wenn wir’s nicht gleich selber machen, dann machen wir’s zumindest mit. Wir tun das, obgleich wir als aufgeklärte Zeitgenossen doch wissen, dass das alles irgendwie Humbug ist. Trotz alledem tun wir’s und tun’s jährlich von Neuem. Nicht zuletzt, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass unser Aufklärungswissen ebenso unsicher ist wie unsere Zukunft. Schlussrituale verleihen dem Leben Stabilität. Eine Welt ohne diese wäre eine fremde Welt, eine Welt ohne Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Vertrauen. Unser Tun und Lassen wären von Argwohn infiziert, mit lähmenden Zweifeln durchsetzt, von Misstrauen behindert und durch angstbesetzte Vorsicht lahmgelegt. Keine Versicherung der Welt kann einen ähnlich umfassenden Schutz vor Unsicherheiten und Unwägbarkeiten anbieten, keine kann jene Vertrautheit garantieren, wie Rituale das tun. Und keine Versicherung würde diesen Schutz kostenlos bereitstellen. Rituale im Allgemeinen und Schlussrituale im Besonderen sind die wirkmächtigste, die einflussreichste und die kostengünstigste Rückversicherungsgesellschaft der Welt. Eine Welt ohne Rituale, ohne Konventionen wäre eine Welt ohne kulturelles Gedächtnis, ohne Orientierung, bevölkert von verlassenen und vereinsamten Menschen. Kurzum: Rituale sind das Skelett jedes sozialen ­Systems, jeder Gemeinschaft und jeder Gesellschaft.

Wir brauchen sie als Geländer, an denen wir uns bei unseren Berg-und-Tal-Wanderungen durch die Zeit, über Anfänge und Abschlüsse einen relativ festen Halt verschaffen.

 

Winfried Münch: „Schluss machen“ wird dieses Themenheft genannt. Ergänzte man diese zwei Worte durch ein Ausrufungszeichen, entstünde daraus ein auffordernder Satz, der bedeuten würde, jetzt gleich aufzuhören, gewissermaßen vor dem Weiteren einen Schlusspunkt zu setzen. Das wäre nichts weiter als ein logischer und linguistischer Formalismus, wenn die Verfasser dieses Editorials nicht selbst in einem Alter wären, wo sie Grund hätten, ernsthaft an das Schlussmachen zu denken. Folglich zögert man bereits am Anfang, stockt sozusagen vor der Zukunft, die erschreckt und in Angstzustände versetzt. Aus diesem Dilemma käme man nur, wenn man sich, so etwa schreibt ­Cioran, an eine Zeit ohne Zukunft klammere, an eine enthauptete Zeit (In: Die verfehlte Schöpfung, S. 67 f.).

Natürlich wollen wir die Zeit nicht enthaupten, vielmehr darauf hinweisen, dass man im eigenen Selbst intensiv von Themen berührt wird, an denen man sich persönlich nicht vorbeimogeln kann. Das ist an sich nichts Neues und gehört zur supervisorischen Arbeit, nämlich dass wir stets mit den Themen unserer Klienten auf irgendeine Weise verwickelt sind, eine Verwicklung im Sinne gegenseitigen Hineinwirkens, bei der wir gehalten sind, unsere Eigenbeteiligungen zur kritischen Selbstreflexion zu bringen. Kurz und gut, wir sind an allem höchstpersönlich beteiligt, bei dem es um menschliche Themen geht. Dazu gehört fraglos das Schlussmachen, zählen ebenso Themen, die sich mit persönlichen Niederlagen und Niedergängen beschäftigen, bei denen man, gleich dem griechischen Labyrinth, als ein anderer herauskommt, als man hineingeraten war.

Während das normale Schlussmachen, an performativ szenische Rituale gebunden, ein friedfertiges, zukunftsgerichtetes Auseinandergehen ermöglicht, das gute Erinnerungen hinterlässt und Wiederanknüpfung erlaubt, gelingt das bei einem Schluss, der aus Ärger und Missverstehen herbeigeführt worden ist, keineswegs. Ein solcher Schluss, dem die rituelle Ordnung des freundlichen Abschiednehmens fehlt, lässt Schuldgefühle sowie Schuldvorwürfe zurück – normalerweise auf beiden Seiten. Und er ist auch insofern kein befriedigender, als er künftighin, wenn die ungute Erinnerung wieder wach werden wird, den verschluckten Ärger und die gestaute Wut erneut an die Oberfläche bringt.

Gelingendes Schlussmachen, das normalerweise mit einem freundlichen Auseinandergehen verbunden ist, hingegen ermöglicht, jene getrennten Objekte als gute innerlich zu bewahren, sodass man sich im Guten an sie erinnern kann, woraus zugleich ein reicher innerer, vielfältiger Schatz entsteht, den jede Supervisorin und jeder Supervisor in sich trägt, an den sie sich bis an das Lebensende immer mal wieder erinnern werden.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen!

Karlheinz Geißler und Winfried Münch

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Karlheinz Geißler
Die Kunst des Loslassens
Über das Gehen, das Beenden und das Abdanken

Winfried Münch
Abschiede
Über Niederlagen und Niedergänge

Jutta Menschik-Bendele
Abschied
Vom guten Ende supervisorischer Beziehungen

Frank Michael Orthey
Beratung am Ende – Ende der Beratung?    
Abschlüsse in der Beratung

Wolfgang Weigand
Abschied und Aufbruch

 

Freier Beitrag

Marina Granzow, Michael Tiaden
Kompetenzerwerbserwartung Studierender an Coaching/Supervision
Über den Kompetenzerwerb an Hochschulen jenseits des curricularen Tellerrandes

 

Markierungen

Jochen Bendele
Leben heißt ­Abschiednehmen

 

Erlebte Literatur

Barbara Tobler
Arno Geiger – Der alte König in seinem Exil

 

Rezension

Günter Rother
Florian Opitz – Speed. Auf der Suche nach der ­verlorenen Zeit.  

Walter Schuster
Rolf Haubl, Brigitte Hausinger, G. Günter Voß (Hg.) – Riskante Arbeitswelten

Impressum

supervision 1.2014
Schluss machen

Stückpreis: 12,50 EUR
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