Ausgabe 2.2013
Auf den Schultern von Riesen

Aus dem Editorial: „Wir wollen in diesem Heft einigen theoretischen Riesen supervisorischer Praxis nachgehen (Professionalisierungstheorie, Systemtheorie, Gruppendynamik, Psychoanalyse, Seelsorge). Ob die ‚Zwerge‘, die auf den ‚Schultern der Riesen‘ stehen, weiter sehen können als diese selbst, wie es Bernhard von Chartres schon vor 1000 Jahren thematisierte, oder aber blind sind, wie die ‚Laus auf dem Kopf eines Astronomen‘ (Freud in Bezug auf Stekel), wird sich dabei ebenso nur im Streit der Argumente befriedigend klären lassen, wie die Fragen, wer Riesen der Supervision sind und ob der permanente Ruf nach Erkenntnisfortschritt der Sache der Supervision angemessen ist oder nicht. In diesem Sinne ist dieses Heft eine Aufforderung zum Diskurs.“

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Zur metaphorischen Illustration des Themas dieser Ausgabe haben wir uns einer Formulierung des Soziologen Robert K. Merton bedient. Er betitelte eine 1980 in deutscher Sprache erschienene Arbeit mit: Auf den Schultern von Riesen. Ein Leitfaden durch das Labyrinth der Gelehrsamkeit. Vor dem Hintergrund des namengebenden Gleichnisses geht Merton der Frage nach, wie sich Erkenntnisfortschritt sozial „ereignet“. Mit Blick auf eine Differenz zwischen Natur- und Sozialwissenschaften schreibt er: „In den Naturwissenschaften steht jede nachfolgende Generation auf den Schultern derer, die vorangegangen sind, während in den Sozialwissenschaften jede neue Generation ihren Vorläufern auf der Nase herumtanzt.“

Übertragen auf Supervision wollen wir in diesem Heft einigen theoretischen Riesen supervisorischer Praxis nachgehen (Professionalisierungstheorie, Systemtheorie, Gruppendynamik, Psychoanalyse, Seelsorge). Ob die „Zwerge“, die auf den „Schultern der Riesen“ stehen, weiter sehen können als diese selbst, wie es Bernhard von Chartres schon vor 1000 Jahren thematisierte, oder aber blind sind, wie die „Laus auf dem Kopf eines Astronomen“ (Freud in Bezug auf Stekel), wird sich dabei ebenso nur im Streit der Argumente befriedigend klären lassen, wie die Fragen, wer Riesen der Supervision sind und ob der permanente Ruf nach Erkenntnisfortschritt der Sache der Supervision angemessen ist oder nicht. In diesem Sinne ist dieses Heft eine Aufforderung zum Diskurs.

Ronny Jahn und Mirjam Weigand (S. 4) widmen sich dem Krisengebiet zwischen Theorie und supervisorischer Praxis. Sie geben Einblicke in den Entstehungshorizont dieses Heftes und machen einen Scheinkonsens zwischen Wissenschaft und Supervision aus. Ihr Beitrag mündet in einem Plädoyer für einen problemevozierenden im Unterschied zu einem lösungsorientierten Fachdiskurs. Thomas Loer (S. 8) entdeckt in der „Supervisions-Szene“ erhebliche Konfusion rund um den Begriff Supervision und fragt, was es mit dem Phänomen Supervision der Sache nach auf sich hat, um schließlich ein professionalisierungstheoretisch fundiertes (enges) Verständnis von Supervision zu entwickeln. Wolfgang Weigand (S. 20) kommentiert die Überlegungen von Thomas Loer, die er gleichsam als Blick in den Spiegel zur Reflexion des eigenen Tuns nutzt. Dirk Bayas-Linke (S. 22) und Michael Tiedtke (S. 27) setzen sich auf unterschiedliche Art und Weise mit theoretischen Grundannahmen systemischer Beratung auseinander. Entgegen dem inflationären Gebrauch „systemischer Konzepte“ wird dabei deutlich, dass die soziologische Systemtheorie nicht auf die Generierung von Handlungsempfehlungen zielt. Karin Leven (S. 31) und Ewald Krainz (S. 37) gehen dem Entstehungshintergrund der Gruppendynamik als sozialwissenschaftlicher Forschungsmethode und Beratungspraxis nach und beleuchten diesbezügliche aktuelle Entwicklungen. Andreas Nolten (S. 42) diskutiert psychoanalytische Begriffe und hinterfragt deren Nutzen für die supervisorische Praxis. Im Ergebnis versteht er Psychoanalyse in supervisorischen Zusammenhängen vor allem als Haltung, die eine kritische Distanz zum eigenen professionellen Handeln ermöglicht. Adelheid Fiedler (S. 51) verdeutlicht ­Berührungspunkte zwischen Supervision und Seelsorge. Angesichts der Entgrenzung von säkularen und spirituellen Sphären erachtet sie es als notwendig, dass Supervisor/-innen und Coaches, in ihrer Rolle als säkulare Berater/-innen, professionell mit spirituellen Fragen im beruflichen Kontext umgehen ­können. In den Markierungen (S. 56) debattieren die ­verantwortlichen Redakteure für dieses Heft schließlich über Sinn und Unsinn gendergerechter Schreibweise.

Wir hoffen, die Lektüre dieses – möglicherweise – etwas anderen Heftes liefert Ihnen Denkanstöße. Der Entstehungsprozess war von anregenden Diskussionen innerhalb des Autoren- und Redaktionsteams begleitet, Sie sind herzlich eingeladen, sich zu beteiligen. Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

Ronny Jahn, Andreas Nolten und Mirjam Weigand

Inhaltsverzeichnis


Das Inhaltsverzeichnis 2.2013 „Auf den Schultern von Riesen“

 

Ronny Jahn, Mirjam Weigand
Diplomatische Bemühungen im Krisengebiet zwischen Theorie und supervisorischer Praxis –
Empfehlungen zur Lektüre dieses Heftes

Thomas Loer
Auxilium auxiliorum
Zu einem professionalisierungstheoretisch fundierten Verständnis von Supervision

Kommentar zu Loer
Wolfgang Weigand
Beim Blick in den Spiegel, …

Dirk Bayas-Linke
Alles beginnt mit einer Unterscheidung –
Systemtheoretische Grundlagen für die supervisorische Praxis

Michael Tiedtke
Zur Attraktivität der luhmannschen „Theorie sozialer Systeme“ für „systemische“ Berater und mögliche Missverständnisse in ihrer Rezeption

Karin Leven
Gruppendynamik: eine Selbstvergewisserung

Ewald E. Krainz
Zur aktuellen Situation der Gruppendynamik als Wissenschaft und als Praxis

Andreas Nolten
„Wo Es war, soll Ich werden“
Psychoanalyse aus der Perspektive eines Supervisors

 

Freier Beitrag

Adelheid Fiedler
Wenn die Rolle nach Sinn sucht: Berührungspunkte zwischen Supervision und Seelsorge

 

Markierungen

Jahn/Nolten/Weigand
Betreff: Re: AW: WG: Kollegen_Kollege_Kollegin

 

Rezension

Ronny Jahn
Ein unbekannter Klassiker – Dieter Claessens: Gruppe und Gruppenverbände.

 

Erlebter Film

Volker Jörn Walpuski
Work hard – play hard
Impressum

supervision 2.2013
Auf den Schultern von Riesen

Stückpreis: 12,50 EUR
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