Ausgabe 3.2012
Ungewissheit

Ungewissheit bedeutet nicht nur Bedrohung und Ohnmacht – in dieser Ausgabe stellen wir Veränderungen im Umgang mit der Ungewissheit ebenso vor wie Strategien zum Management von ungewissen Situationen  im Mittelstand. „Neue Sicherheiten“ werden thematisiert und die Frage gestellt, was man von Künstlern und Non-Profit-Organisationen – den Meistern der Unsicherheitsbewältigung – lernen kann.

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Redaktionskonferenz im Sommer 2011, auf der Agenda die Themenplanung für 2012. Heftideen entstehen schnell, verantwortliche Redakteurinnen und Arbeitstitel werden für die Hefte festgelegt. Aber ein Heft bleibt „offen“, eine gewisse Unschlüssigkeit begleitet die weitere Entscheidungsfindung. An mangelnder Lust, ein Heft zu übernehmen, lag das nicht, ganz und gar nicht. Aber aus einem uns nicht bewussten Grund ließ sich der inhaltliche Prozess nicht weiter forcieren, der Zeitdruck stieg. Es blieb ungewiss!

Wir haben uns darauf eingelassen, die Verantwortung für dieses Heft zu übernehmen, trotz der Ungewissheit, welches Schwerpunktthema sich im weiteren, aufgrund großer räumlicher Distanz komplizierten Prozess außerhalb der Redaktionskonferenz herausarbeiten lässt.

Und aus diesem Prozess mit ungewissem Ausgang entwickelte sich genau das zum Thema unseres Heftes: Ungewissheit.

Die Zukunft ist stets unbestimmt und ungewiss. Wir planen und gestalten die Zukunft, es kann so, aber auch völlig anders kommen. Die Zukunft ist eben immer eine Konstruktion, unsere Vorstellung von morgen auf Basis des Wissens von heute. Alexander von Humboldt wusste schon die Ungewissheit des Ausblicks etwas erträglicher zu machen, indem er uns erinnerte, dass das frühe Ahnen das späte Wissen ist. Und Karl Valentin half uns bei der Einordnung des Zeitenlaufes mit seiner legendären Erkenntnis, dass früher auch die Zukunft besser war! Beide berührten damit eine wichtige Tatsache auf ganz unterschiedliche Art: Der Mensch kann Ungewissheit nur schwer ertragen und versucht alles nur Erdenkliche, die Ungewissheit zu begrenzen und so viel Gewissheit wie nur eben möglich herzustellen. Mit der Konstruktion verschiedener Zukunftsszenarios versuchen wir, die Ungewissheit ein wenig greifbarer zu machen – und entschärfen damit unsere Überforderung durch die Vorstellung, dass prinzipiell alles möglich wäre. Haben wir alle Möglichkeiten, sind wir schnell blockiert, weil die Komplexität der Entscheidungsfindung uns zu überfordern droht. Die Eingrenzung dieser Möglichkeiten (die Strukturbildung) erleichtert die Freiheit, wahrzunehmen, entscheiden zu können. Entscheidungsprämissen können uns Orientierung geben.

Ist die aktuelle gesellschaftliche Krise, die eben auch eine Krise der Unmöglichkeit einfacher Entscheidungen ist, der Grund, dass  „Ungewissheit“ derzeit ein so aktuelles Thema ist, als hätten wir sie zuvor noch nie so gehabt? Oder haben wir die Verunsicherungen durch die vergangenen Krisen nur verdrängt, weil wir diese Krisen scheinbar gemeistert haben?

Fritz Böhle (S. 4) zeigt die Entwicklung des Umgangs mit Ungewissheit in Gesellschaft, Wissenschaft, Technik und Wirtschaft auf und begründet die Notwendigkeit eines neuen Umgangs damit. Im Mittelpunkt stehen dabei die Aufrechterhaltung und Erweiterung von Handlungsfähigkeit. Dieter Dresselhaus gibt im Gespräch mit Martin Johnsson (S. 13) einen ganz persönlichen Einblick, wie er als Unternehmer der permanenten Ungewissheit durch strategisches Management Gewissheit abtrotzt und damit seinem Unternehmen, seinen Mitarbeitern und Geschäftspartnern so viel Sicherheit und Orientierung wie eben möglich bietet. Der Beitrag von Ruth Simsa (S. 19) beleuchtet die spezifischen Anforderungen in Bereichen des Non-Profit-Sektors, differenziert hierbei zwischen kleinen privaten und großen öffentlich getragenen Einrichtungen. Den Blick in die Praxis der Organisation und Steuerung sozialer Arbeit in Zeiten verknappter Ressourcen und zunehmend prekärer Lebensverhältnisse großer Gesellschaftsteile erlaubt uns Uwe Reeske in einem Gespräch mit Martin Johnsson (S. 25). Alice Gayed (S. 35) geht der Frage nach, welche Spuren in Bezug auf Erleben von und Umgang mit Ungewissheit die Erfahrung der gesellschaftlich-politischen Wende in den neuen Bundesländern in den Menschen hinterlassen hat. Mit Cornelius Rinne (S. 43) können wir von einem Künstler lernen, wie nicht lineares Denken und Handeln schöpferische Prozesse ermöglicht und wie bedeutsam das für die Bewältigung von Ungewissheit sein kann. Wer jetzt erst mal genug gesehen hat, kann im Gespräch von Susanne Ehmer mit Gerhild Trübswasser (S. 31) in den Blindspace gehen und hier die Entfaltungsmöglichkeiten durch Reduktion entdecken, die auf ungewohnte Weise zu neuen „Sicherheiten“ führen können.

Im freien Beitrag zieht Heidi Kreulach (S. 50) am Beispiel zweier Supervisionsfälle Verbindungen zwischen Symbolen und Metaphern, Schindlers rangdynamischem Gruppenmodell und einer Schildkröte als Omega. August Heidl (S. 58) betrachtet pointiert unser Schwerpunktthema in den Markierungen.

Wir wünschen Ihnen viele Anregungen und natürlich auch Vergnügen mit der Lektüre.

In aller Ungewissheit, Ihre

Susanne Ehmer, Alice Gayed und Martin Johnsson

Inhaltsverzeichnis


Das Inhaltsverzeichnis 3.2012 „Ungewissheit“

Seite 4
Fritz Böhle
Nicht nur Bedrohung und Ohnmacht
Veränderungen  im Umgang  mit Ungewissheit

Seite 8
Kurz definiert

Seite 13
Dieter Dresselhaus im Gespräch mit Martin Johnsson
Ungewissheit  und strategisches  Management  im Mittelstand

Seite 19
Ruth Simsa
Non-Profit-Organisationen
Gebeutelte  Meister der Unsicherheitsbewältigung

Seite 25
Uwe Reeske im Gespräch mit Martin Johnsson
Ungewissheit
Eine dauernde  Herausforderung  in der Organisation sozialer  Arbeit

Seite 31
Gerhild Trübswasser im Gespräch mit Susanne Ehmer
Blindspace
Durch Reduktion  zu neuer Vielfalt,  zu neuen „Sicherheiten“

Seite 35
Alice Gayed
Politischer  Umbruch  und Begleitung  verunsichernder Prozesse

Seite 43
Cornelius Rinne
Nicht lineares  Denken  und Handeln
Was man von Künstlern  lernen kann

Seite 48
Literatur  zum Thema

 

Seite 50
Freier Beitrag
Heidi Kreulach
Metaphern  als erlebbarer  Zugang  zum Verständnis  von Rollen in Teams

Seite 58
Markierungen
August Heid
Ungewissheit

 

Rezensionen

Seite  60
Caterina Bartulin
Renate Haack-Wegner,  Klaus Helmken,  Anne Grotrian
Beratung  von Jugendlichen

Seite 62
Bernhard Lemaire
Arndt Ahlers-Niemann,  Edeltrud  Freitag-Becker
Netzwerke – Begegnungen  auf Zeit

supervision 3.2012
Ungewissheit

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