Ausgabe 2.2012
Traumageschichte(n) – Herausforderung in jeder Hinsicht

Der Umgang mit traumatisierten Patienten stellt an Therapeuten und Berater besondere Anforderungen. In der Supervision muss das Thema „Trauma“ adäquat aufgegriffen werden – es ist das Schwerpunktthema der Ausgabe „Traumageschichte(n) – Herausforderung in jeder Hinsicht“.

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Anlass für die Wahl dieses Heftthemas waren sicher zunächst die nicht enden wollenden Berichte über sexuellen Missbrauch und andere Gewalttätigkeiten in pädagogischen und kirchlichen Organisationen – das, was uns alle in den letzten Jahren so aufwühlt hat und sich notwendigerweise als Anlass für persönliche Auseinandersetzungen gestellt hat. Die Thematik „Trauma“ bietet jedoch ein kaum fassbares breiteres Spektrum: Es geht um viele unterschiedliche furchtbare Ereignisse, welche Menschen in einer nahezu grenzenlosen Art und Weise erfassen und aus der Bahn werfen: Naturkatastrophen, Kriegsereignisse, Menschenhandel, Super-GAUs der Technik, Amokläufe, tragische Verkehrsunfälle, vielleicht mit Todesfolgen, Selbstmorde, z. B. von Eltern, die Kleinkinder miterleben müssen, aber auch sang-  und klangloses Verschwinden von oft einzigen Bezugspersonen, alle Formen der Gewalt und gewaltsamen Erniedrigungen, eben insbesondere der riesengroße Bereich der sexualisierten Gewalt.

Grenzenlosigkeit und kaum zu erreichende Fassbarkeit haben  – sicher auch zu verstehen als ein Spiegelbild der Thematik – bei der Erstellung dieses Heftes gewirkt: Es ist nahezu unmöglich, einen Überblick über die bereits unzähligen professionellen Unterstützungsformen und deren zum großen Teil wissenschaftlich begründete Basiskompetenzen zu geben. So war es selten bei der Hefterstellung so schwer wie bei diesem, engagierte Beiträge in ihrer Länge, Thematik und Begründung einzugrenzen bzw. auszuwählen. Gleichermaßen war es schwierig, bezogen auf diese Thematik dem Wissensstand der unterschiedlichen in diesem Bereich tätigen Professionen Rechnung zu tragen und gleichermaßen der Supervision selbst, die zwar als Reflexionsebene für die Angehörigen dieser Professionen fungiert, aber trotzdem in die Dynamiken der Thematik eintaucht. Als Vertreterinnen beider Bereiche haben wir als verantwortliche Redakteurinnen einen Ausgleich gesucht und zugleich in unserer Zusammenarbeit das Spannungsfeld zwischen beiden Bereichen erlebt:

Einerseits ging es der Sozialarbeiterin, Therapeutin, Wissenschaftlerin (Silke Birgitta Gahleitner) darum, innerhalb der einschlägigen Fächer und bezogen auf aktuelle Forschungen die Breite des Wissens zu Trauma (Traumatologie) zum Ausdruck zu bringen und damit auch die dort erreichten Fortschritte zu skizzieren. Gleichermaßen ist es ihr als Therapeutin ein ureigenes Anliegen, die vielen Aspekte der Lebensfähigkeit von schwer Traumatisierten als Basis für gute beratende, therapeutische und lebensweltlich integrierende Arbeit zu sehen. Für die Supervisorin (Angela Gotthardt-Lorenz) wiederum ist es von größter Wichtigkeit, basierend auf ihren Erfahrungen mit unterschiedlichen Supervisionsprojekten, insbesondere mit Teams von Einrichtungen, die mit schwer Traumatisierten arbeiten, genügend Raum zu lassen, um den Schrecken und die grenzenlose Unsagbarkeit spüren zu lassen und um gleichermaßen das, was sich als Folge in der Dynamik der Kooperationen und Teamauseinandersetzungen von Professionellen zeigt, vorsichtig und aufdeckend nachzuzeichnen. Wesentlich ist, hier immer wieder zu versuchen, in Distanz zu treten, immer wieder zu reflektieren, wie reflektiert wird, welche institutionellen und fachlichen Verständigungsstrukturen ermöglicht und wie erschwert werden, welche Handlungsperspektiven sinnvoll und stimmig erscheinen und welche Aktionen eher Ausdruck von abgewehrter Hilflosigkeit sind. Als Redakteurinnen haben wir viel voneinander gelernt und hoffen, wenn dieses Spektrum unserer Blickwinkel in diesem Heft aufscheint, dass es auch für die Leserinnen und Leser gut zu erfassen ist. Klar war uns beiden, dass ein emotional so schwerwiegendes Thema nicht nur über artikelgebundene Worte zu skizzieren ist; Bilder und Gedichte als andere Ausdrucksformen ergänzen die folgenden Beiträge.

David Becker zeigt in einer umfassenden geschichtsbetrachtenden Analyse des Wissensgebiets „Traumageschichten“ auf, in welcher Weise es „hier um ein umstrittenes Gebiet“ geht, „in welchem nicht nur wissenschaftsimmanente Konflikte, sondern auch breite soziale und politische Themen und Widersprüche eine wichtige Rolle spielen“. Silke B. Gahleitner führt in die jeweiligen verschiedenen Interventionsmöglichkeiten von Traumatherapie, -pädagogik und -beratung ein. Immer geht es darum, Traumabetroffene dabei zu unterstützen, trotz allem ein möglichst erfülltes Leben zu gestalten und ihre konstruktiven Kräfte zu nutzen. Gahleitner beschreibt ein für alle Bereiche relevantes Grundverständnis von Traumaentstehung und -bewältigung, wie es sich in der Fachwelt herauskristallisiert hat, und zeigt auf, wie dies in den unterschiedlichen Vorgehensweisen dann zu differenzieren ist.

Bezogen auf Supervision beschäftigt sich Helga Wemhöner unter dem Aspekt sekundärer Traumatisierung mit der Frage, in welcher Weise die Traumadynamik aus der Klientel der Supervisand/-innen die Supervision selbst bestimmen kann, und zeigt Aspekte des spezifischen supervisorischen Vorgehens auf, die diese spezielle Dynamik berücksichtigen. Die Frage, in welcher Weise Supervision den tagtäglichen Umgang mit schwer traumatisierten Kindern und Jugendlichen unterstützen kann, stellt Kornelia Steinhardt in einem Gruppeninterview an Fachkräfte einer Kinder-und Jugend-Psychiatrie-Station und erörtert zusammen mit ihnen deren Supervisionserfahrungen. Die schwierige Thematik, wie sich Supervisorinnen und Supervisoren in Organisationen bewegen können, wenn dort Fälle von sexuellen oder gewalttätigen Übergriffen vorliegen, beschäftigt Jan Bleckwedel, Katharina Witte und Eva Frank-Bleckwedel; sie entwerfen in ihrem Artikel die Forderung nach einer „differenzierten Parteilichkeit“. Angela Gotthardt-Lorenz hat die Kolleg/-innen Margot Scherl, Sonja Wohlatz und Siegfried Tatschl zu Werkstattberichten über Supervisionen eingeladen, die durch unterschiedliche Aspekten von Traumatisierung gekennzeichnet sind.

Zur aktuellen Beschäftigung mit dem Thema „Trauma“ präsentiert Barbara Tobler das Kunstprojekt „Narben“, Tanja Rode reflektiert als Veranstalterin – ihre supervisorische Profession nutzend – den Kongress zu „Indirekter Traumatisierung“, und Katharina Loerbroks und Silke Birgitta Gahleitner beschäftigen sich mit Inhalt und Reichweite der die Thematik des Heftes betreffenden „runden Tische“. Ergänzend werden drei thematisch relevante und aktuelle Publikationen besprochen.

Weiterführend enthält das Heft „Erlebte Literatur“ und Rezensionen. Besonders hingewiesen sei auf die Besprechung einer von einem Herausgeber dieser Zeitschrift vorgelegten Neuerscheinung: Winfried Münch, Tiefenhermeneutische Beratung und Supervision.

Wir würden uns freuen, wenn die unterschiedlichen Beiträge des Heftes zum Nachdenken und zur Fortsetzung des fachlichen Diskurses anregen.

Silke Birgitta Gahleitner
Angela Gotthardt-Lorenz

Inhaltsverzeichnis

Editorial

 

David Becker
Traumageschichte(n)

Silke Birgitta Gahleitner
Traumatherapie, Traumaberatung und Traumapädagogik

Helga Wemhöner
Sekundär Traumatisierte in der Supervision

Jan Bleckwedel, Katharina Witte, Eva Frank-Bleckwedel
Positionierung und Allparteilichkeit
Leitlinien für Beratung und Supervision in Fällen von ­sexuellen und gewalttätigen Übergriffen

Kornelia Steinhardt
Teamsupervision als Container für die Arbeit mit ­traumatisierten Kindern und Jugendlichen?
Ein Gespräch

Angela Gotthardt-Lorenz,
Margot Scherl, Sonja Wohlatz, Siegfried Tatschl
Werkstattberichte
Betreffende Erfahrungen – Einblicke in die ­Supervisionspraxis

Barbara Tobler
Kann Kunst heilen?

Tanja Rode
Kongress (17./18.06.2011) „Indirekte Traumatisierung …“ –
eine Reflexion aus supervisorischer Sicht einer Veranstalterin

Katharina Loerbroks, Silke Birgitta Gahleitner
Runde Tische und die Hoffnung auf Wiedergutmachung

 

Literatur zum Thema

Anne Weißleder
Wilma Weiß: Philipp sucht sein Ich

Franziska Grohl
Fachbereich Soziale ­Arbeit und Gesundheit Fachhochschule Frankfurt am Main (Hg.): Grenzverletzungen 

Jana Sabban
Bausum, Jacob/Besser, Lutz/Kühn, Martin/ Weiß, Wilma (Hg.): Traumapädagogik

 

Erlebte Literatur

Brigitte Scherer
Jonathan Franzen: Freiheit

 

Rezensionen

Andreas Nolten
Winfried Münch: Tiefenhermeneutische Beratung und ­Supervision 

Ruth Simsa
Rainer Zech: Handbuch Management in der ­Weiterbildung

supervision 2.2012
Traumageschichte(n)

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