Ausgabe 1.2012
Erschöpft – Arbeit und Gesundheit im Konflikt

Burn-out, Erschöpfungszustände, Unzufriedenheit – die Arbeitswelt fordert Menschen in vielfältiger Weise. Wie können Gesundheit und Arbeit vereint werden? Wie können Beraterinnen und Berater diesen Prozess begleiten – zum Wohle des Menschen?

Themen sind u.a.:

  • Raubbau oder Rückzug?
  • Betriebliche Prävention von Burn-out
  • Kunst und Kunstfehler in der Beratung

Diese Ausgabe ist vergriffen.

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

„Hard to reach – Mitarbeiter auf dem Rückzug“ – so lautete das Thema einer Tagung von TOPS München-Berlin e.V. im Frühjahr vergangenen Jahres. Skizziert war damit eine Thematik, die in diesem Heft erweitert und vertieft werden soll. Die Organisationen, in denen wir arbeiten, stellen hohe Anforderungen an Zeit, Kraft und Engagement jedes Einzelnen. Nicht immer und nicht allen gelingt es, die Ziele, die die Organisation setzt, auch zu erreichen. Die Betroffenen werten das oft als persönliches Versagen – und die Umwelt unterstützt sie in dieser Auffassung. Wenn wir jedoch die Ziele mit großer Anstrengung erreichen, zahlen wir immer häufiger einen Preis dafür: Das Privatleben leidet, für Kollegialität reicht die Kraft nicht, die Selbstfürsorge bleibt auf der Strecke; nicht wenige werden krank. Manche haben keine Lust mehr und suchen nach ruhigeren Gewässern. Andere verweigern die Karriere, weil ihnen der Preis zu hoch erscheint.

In vielen beruflichen Feldern wird die Arbeit – von manchen eigentlich geliebt, von vielen eigentlich gern getan – allmählich zum Problem, werden Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbedingungen zur Last, die schwer zu tragen ist.

In diesem Heft ist eine Reihe von Beiträgen versammelt, die die Entstehung, die Merkmale und die Folgen dieser Last zum Thema machen. Wie produzieren Unternehmen und Einrichtungen die Überanstrengung ihrer Mitarbeiter/-innen? Wie sieht diese im Einzelnen aus – und welche Möglichkeiten gibt es, sie zu mindern? Ist Supervision für solche Problemlagen ein passendes Beratungsverfahren? Kann sie mit ihrem Ansatz der Selbstreflexion und des Verstehens hier eine Hilfe sein?

Zwei Beiträge stammen von Forschern und Forscherinnen: Das Thema Nick Kratzers und seiner Kollegen ist der Konflikt zwischen Arbeit und Gesundheit. In ihrem Beitrag beschreiben sie, wie moderne Unternehmen auf indirekte Weise die Leistung ihrer Mitarbeiter steuern. Sie diskutieren die Folgen, die diese Indirektheit für den Einzelnen hat – er ist nicht nur überlastet, sondern sieht sich selbst auch in der Verantwortung, seiner Überlastung Herr zu werden. Da ihnen die herkömmliche betriebliche Gesundheitsförderung von Ansatz her ungenügend erscheint, haben sie ein eigenes Modell entwickelt, das sie in ihrem Beitrag skizzieren.

Antje Ducki und ihre Kollegen dagegen stellen gerade diese betriebliche Gesundheitsförderung in den Mittelpunkt ihres Aufsatzes. Was kann die Organisation tun, um Erschöpfungszustände und Burn-out zu vermindern oder gar zu vermeiden? Welche Interventionen sind für welche Ausprägung der Erschöpfung angemessen, wann hat sich der Einsatz einzelner Instrumente bewährt, wann bedarf es struktureller oder kultureller Veränderung? Sie illustrieren die Darstellung mit einem Projektbericht – Burn-out-Prävention bei Vattenfall.

In zwei weiteren Beiträgen geht es um die Praxis der Supervision: Barbara Schneider ruft uns ins Bewusstsein, dass ein Erschöpfungszustand ein subjektives Empfinden ist und nicht ein dem Menschen irgendwie äußerlicher Tatbestand. Daran müssen wir uns erinnern, denn da Burn-out in aller Munde ist, wird dieser im Individuum entstandene und subjektiv erlebte Zustand allmählich zu einer Sache, die man „hat“. Es ist wichtig und ertragreich, darauf zu schauen, welche situativen und welche biografische Themen sich vielleicht hinter der allzu raschen Diagnose verbergen. Das Label „Burn-out“ verdeckt manchmal eher eine Problematik, als dass es sie verstehen hilft.

Mein eigener Beitrag (Cornelia Edding) ist ein Arbeits- und Erfahrungsbericht. Es werden Teams vorgestellt, die keine mehr sind, deren Bindung sich unter verschärftem Arbeitsdruck aufgelöst hat und die daher ihre Teamaufgaben nicht mehr erfüllen können. Angesichts der Vereinzelung werden vor allem zwei Fragen diskutiert: Was kann Supervision in einer Versammlung von Einzelkämpfern ausrichten, und welchen Sinn hat es überhaupt,  mit so einem Team zu arbeiten, wenn die Kontextbedingungen unverändert bleiben?

In den beiden Kurzbeiträgen von Monika Klinkhammer und Karl Schattenhofer geht es um Supervision und Selbstreflexion: Monika Klinkhammer plädiert für Supervision und Selbstreflexion als geeignete Mittel zur Unterstützung von Burn-out-Gefährdeten. Sie analysiert mögliche Wirkfaktoren dieser Beratungsform und skizziert den Prozess einer Bearbeitung von Erschöpfungszuständen.

Feedback zu geben kann ein Kunstfehler sein, so Karl Schattenhofer. Es gibt Situationen und Bedingungen, so seine These, in denen Feedback, das eigentlich Prozesse der Selbstreflexion und der persönlichen Entwicklung in Gang setzen und befördern soll, den Betroffenen eher schadet.

Die verantwortlichen Redakteure dieses Heftes, Cornelia ­Edding und Wolfgang Weigand, wünschen eine anregende ­Lektüre und sind für Rückmeldungen dankbar.


Inhaltsverzeichnis

Mitteilung der Herausgeber

Editorial

Nick Kratzer, Wolfgang Dunkel, Wolfgang Menz
Raubbau oder Rückzug?
Ursachen und Folgen der „systematischen Überlastung“ in Unternehmen

Antje Ducki, Andreas Uhlig, Jörg Felfe
Betriebliche Prävention von Burn-out
Beispiel Vattenfall Europe Sales

Monika Klinkhammer
Ausstieg aus der Tretmühle:
Selbstbesinnung und Selbstbestimmung durch Supervision

Barbara Schneider
Erschöpfungszustände und Burn-out –
Was verbirgt sich dahinter?

Karl Schattenhofer
Wie viel Reflexivität ist verträglich? –
Kunst und Kunstfehler in der Beratung

Cornelia Edding
Hard to reach – zur Supervision zerfallender Teams

Weiterführende Literatur zum Titelthema

 

Freier Beitrag

Winfried Münch
Lob des Widerstands?

 

Erlebter Film

Bernd Jansen
Lars von Trier: „Melancholia“
Vom falschen Glück, der Unausweichlichkeit des Todes und der Not der Beziehungen

 

Markierungen
Martin Zumeld

 

Rezension

Winfried Münch
Karlheinz A. Geißler: Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine

Volker Jörn Walpuski
Ralph Grossmann, Kurt Mayer (Hg.)
Organisations­entwicklung konkret

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