Ausgaben 2012

Ausgabe 4.2012
Selbstständige

Selbstständige und Selbstständigkeit – für Supervisor/-innen ist es ein vielschichtiges Thema. Zum einen kann Supervision Selbstständige begleiten, den Anfang erleichtern und das Ende thematisieren. Zum anderen sind Supervisor/-innen selbst oftmals Selbstständige – mit allen Erfolgen, Hürden und Unwegsamkeiten, die dazu gehören.

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Das Thema Selbstständige zu skizzieren, lässt einen gleich bei der Frage, was darunter genau zu verstehen ist, stocken. In verschiedenen Beiträgen oder Kästen werden in diesem Heft Definitionen und Entwicklungen vorgestellt, die sich teilweise national unterscheiden. Die Definition der Selbstständigkeit wird beispielsweise in Deutschland aus § 7 Abs. 1 des SGB IV abgeleitet. Hier wird versucht, eine Abgrenzung zwischen selbstständiger Tätigkeit und abhängiger Beschäftigung zu begründen. Die selbstständige Tätigkeit kennzeichnen wesentlich das eigene Unternehmerrisiko und die Verfügungsmöglichkeit über die eigene Arbeitskraft. Wann ist ein Selbstständiger ein Freiberufler? Wann ein Unternehmer? Wann ist man Existenzgründer oder ein Start-up? Wann hat er eine Firma, wann ist er Gewerbetreibender, und wann muss er sich ins Handelsregister eintragen lassen? Darauf gibt es keine einfachen Antworten.

Diese Fragen muss auch eine Supervisorin nicht fundiert beantworten können, dafür sind andere wie das Finanzamt oder die Sozialversicherungsanstalten zuständig. Mögliche Zuständigkeiten der Supervision sind andere Schwerpunkte, wie die Autor/-innen in diesem Heft aufzeigen. Nicht bezweifelt wird: Wer sich selbstständig macht oder machen muss, hat viel um die Ohren. Neben guten Geschäftsideen und hoher Motivation sind Organisationstalent und unternehmerische Fähigkeiten gefordert. Aber längst sind die formalen, rechtlichen, fachlichen und finanziellen Voraussetzungen nicht das Einzige, worauf es ankommt. Dirk Bayas-Linke, Jutta Müller und Elmar Schwedhelm (S. 4) schildern, dass die Wege in die Selbstständigkeit ein komplexes Zusammenspiel sind, die mit Supervision sehr sinnvoll begleitet werden können. Denn wie Heidi Möller (S. 12) in „Das Ende der Selbstständigkeit – Beratung zur Verarbeitung des Scheiterns“ beschreibt, birgt jede Selbstständigkeit auch ein Nichtgelingen. Wie Eberhard Siegl (S. 19) in seinem Beitrag „Supervision für Neue Selbstständige – Annäherungen an ein junges Beratungsfeld“ und Waltraud Fürnwein (S. 27) in „Begrenzung der Entgrenzung als Herausforderung für die Supervision“ zeigen, ist Selbstständigkeit auch mit sehr hohen Engagement, Stress, Unsicherheiten, Belastungen, Konkurrenz u. v. m. verbunden. Nicht selten leiden Sozialkontakte, Familie und die eigene Gesundheit. Aber auch wenn die Selbstständigkeit erfolgreich verlaufen ist, man Personal einstellen konnte, bleibt die Beschäftigung mit den laufenden Veränderungen in der Arbeitswelt und ihren Auswirkungen auf den Betrieb ebenso aktuell wie die Themen Führung, Personalentwicklung, Change etc., die Selbst­ständige fortwährend auf Trab halten. Karin Pfeifer (S. 34) und Andreas Bergknapp (S. 40) schildern ihre dahingehenden Erfahrungen als Supervisor/-in mit ITler/-innen bzw. Architekten und Architektinnen in einer internationalisierten Dienstleistungswirtschaft.

Selbstständigkeit ist auch für Supervisor/-innen ein Thema. Die Beschäftigung damit wird in diesem Heft allerdings nur gestreift: Kathrin Kordon, Michael Burger, Irmgard Schrems und Andrea Sanz (S. 45) geben Einblicke in ihre Praxis.

Selbstständige/Selbstständigkeit ist ein Markt, wo Supervisor/-innen mit ihrem Angebot noch Aufmerksamkeit und Kundschaft gewinnen könnten. Die Autor/-innen dieses Heftes stellen vielfältigste Aspekte dazu vor, und es wird deutlich, dass eine umfangreiche und vertiefende Beschäftigung mit den Entwicklungen rund um das Thema Supervision von und mit selbstständigen Berufsgruppen zukunftsweisend ist. Schon jetzt zeichnen sich größere Einflüsse auf die Konzeption der Supervision ab, beispielsweise, wenn die Rolle der Auftraggeberin und Supervisandin in einer Person zusammenlaufen. Selbstständige bieten also für die Supervision zahlreiche Möglichkeiten, aber sie fordern ihr fachlich und konzeptionell auch einiges ab.

Wir wünschen eine anregende Lektüre!

Brigitte Hausinger und Andrea Sanz

Inhaltsverzeichnis


Das Inhaltsverzeichnis 4.2012 „Selbstständige“


Dirk Bayas-Linke, Jutta Müller, Elmar Schwedhelm

Wege in die Selbstständigkeit –
ein komplexes Zusammenspiel

Heidi Möller
Das Ende der Selbstständigkeit –
Beratung zur Verarbeitung des Scheiterns

Eberhard Siegl
Supervision für Neue Selbstständige –
Annäherungen an ein junges Beratungsfeld

Waltraud Fürnwein
Begrenzung der Entgrenzung als Herausforderung für Supervision

Karin Pfeifer
Supervision mit ITler/-innen in einer internationalisierten Dienstleistungswirtschaft.
Ein Werkstattbericht

Andreas Bergknapp
Wider das Einzelkämpfertum –
Supervisionen für Architektinnen und Architekten Einblicke in die Praxis selbstständiger Supervisor/-innen

Michael Burger
Der Spagat, der nicht wehtut!

Irmgard Schrems im Gespräch mit Andrea Sanz
Eine zweite Leidenschaft neben der Supervisionspraxis – geht das?

Kathrin Kordon
Selbstständige Supervisorin und Mutter – (wie) geht das unter einen Hut?

Zahlen zum Thema


Erlebte Literatur

Katharina Witte
Eile mit Weile, Karlheinz A. Geißler, Lob der Pause

Markierungen
Martin Johnsson
Zwei Selbstgespräche zur Selbstständigkeit

Rezensionen

Winfried Münch
Rudolf Heltzel/Wolfgang Weigand,
Im Dickicht der Organisation

Erhard Tietel
Mathias Lohmer/Bernd Sprenger/Jochen von Wahlert
Gesundes Führen, Life-Balance versus ­Burnout im Unternehmen

supervision 4.2012
Selbstständige

Stückpreis: 12,50 EUR
(inkl. 7,00% MwSt. und zzgl. Versandkosten)

Ausgabe 3.2012
Ungewissheit

Ungewissheit bedeutet nicht nur Bedrohung und Ohnmacht – in dieser Ausgabe stellen wir Veränderungen im Umgang mit der Ungewissheit ebenso vor wie Strategien zum Management von ungewissen Situationen  im Mittelstand. „Neue Sicherheiten“ werden thematisiert und die Frage gestellt, was man von Künstlern und Non-Profit-Organisationen – den Meistern der Unsicherheitsbewältigung – lernen kann.

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Redaktionskonferenz im Sommer 2011, auf der Agenda die Themenplanung für 2012. Heftideen entstehen schnell, verantwortliche Redakteurinnen und Arbeitstitel werden für die Hefte festgelegt. Aber ein Heft bleibt „offen“, eine gewisse Unschlüssigkeit begleitet die weitere Entscheidungsfindung. An mangelnder Lust, ein Heft zu übernehmen, lag das nicht, ganz und gar nicht. Aber aus einem uns nicht bewussten Grund ließ sich der inhaltliche Prozess nicht weiter forcieren, der Zeitdruck stieg. Es blieb ungewiss!

Wir haben uns darauf eingelassen, die Verantwortung für dieses Heft zu übernehmen, trotz der Ungewissheit, welches Schwerpunktthema sich im weiteren, aufgrund großer räumlicher Distanz komplizierten Prozess außerhalb der Redaktionskonferenz herausarbeiten lässt.

Und aus diesem Prozess mit ungewissem Ausgang entwickelte sich genau das zum Thema unseres Heftes: Ungewissheit.

Die Zukunft ist stets unbestimmt und ungewiss. Wir planen und gestalten die Zukunft, es kann so, aber auch völlig anders kommen. Die Zukunft ist eben immer eine Konstruktion, unsere Vorstellung von morgen auf Basis des Wissens von heute. Alexander von Humboldt wusste schon die Ungewissheit des Ausblicks etwas erträglicher zu machen, indem er uns erinnerte, dass das frühe Ahnen das späte Wissen ist. Und Karl Valentin half uns bei der Einordnung des Zeitenlaufes mit seiner legendären Erkenntnis, dass früher auch die Zukunft besser war! Beide berührten damit eine wichtige Tatsache auf ganz unterschiedliche Art: Der Mensch kann Ungewissheit nur schwer ertragen und versucht alles nur Erdenkliche, die Ungewissheit zu begrenzen und so viel Gewissheit wie nur eben möglich herzustellen. Mit der Konstruktion verschiedener Zukunftsszenarios versuchen wir, die Ungewissheit ein wenig greifbarer zu machen – und entschärfen damit unsere Überforderung durch die Vorstellung, dass prinzipiell alles möglich wäre. Haben wir alle Möglichkeiten, sind wir schnell blockiert, weil die Komplexität der Entscheidungsfindung uns zu überfordern droht. Die Eingrenzung dieser Möglichkeiten (die Strukturbildung) erleichtert die Freiheit, wahrzunehmen, entscheiden zu können. Entscheidungsprämissen können uns Orientierung geben.

Ist die aktuelle gesellschaftliche Krise, die eben auch eine Krise der Unmöglichkeit einfacher Entscheidungen ist, der Grund, dass  „Ungewissheit“ derzeit ein so aktuelles Thema ist, als hätten wir sie zuvor noch nie so gehabt? Oder haben wir die Verunsicherungen durch die vergangenen Krisen nur verdrängt, weil wir diese Krisen scheinbar gemeistert haben?

Fritz Böhle (S. 4) zeigt die Entwicklung des Umgangs mit Ungewissheit in Gesellschaft, Wissenschaft, Technik und Wirtschaft auf und begründet die Notwendigkeit eines neuen Umgangs damit. Im Mittelpunkt stehen dabei die Aufrechterhaltung und Erweiterung von Handlungsfähigkeit. Dieter Dresselhaus gibt im Gespräch mit Martin Johnsson (S. 13) einen ganz persönlichen Einblick, wie er als Unternehmer der permanenten Ungewissheit durch strategisches Management Gewissheit abtrotzt und damit seinem Unternehmen, seinen Mitarbeitern und Geschäftspartnern so viel Sicherheit und Orientierung wie eben möglich bietet. Der Beitrag von Ruth Simsa (S. 19) beleuchtet die spezifischen Anforderungen in Bereichen des Non-Profit-Sektors, differenziert hierbei zwischen kleinen privaten und großen öffentlich getragenen Einrichtungen. Den Blick in die Praxis der Organisation und Steuerung sozialer Arbeit in Zeiten verknappter Ressourcen und zunehmend prekärer Lebensverhältnisse großer Gesellschaftsteile erlaubt uns Uwe Reeske in einem Gespräch mit Martin Johnsson (S. 25). Alice Gayed (S. 35) geht der Frage nach, welche Spuren in Bezug auf Erleben von und Umgang mit Ungewissheit die Erfahrung der gesellschaftlich-politischen Wende in den neuen Bundesländern in den Menschen hinterlassen hat. Mit Cornelius Rinne (S. 43) können wir von einem Künstler lernen, wie nicht lineares Denken und Handeln schöpferische Prozesse ermöglicht und wie bedeutsam das für die Bewältigung von Ungewissheit sein kann. Wer jetzt erst mal genug gesehen hat, kann im Gespräch von Susanne Ehmer mit Gerhild Trübswasser (S. 31) in den Blindspace gehen und hier die Entfaltungsmöglichkeiten durch Reduktion entdecken, die auf ungewohnte Weise zu neuen „Sicherheiten“ führen können.

Im freien Beitrag zieht Heidi Kreulach (S. 50) am Beispiel zweier Supervisionsfälle Verbindungen zwischen Symbolen und Metaphern, Schindlers rangdynamischem Gruppenmodell und einer Schildkröte als Omega. August Heidl (S. 58) betrachtet pointiert unser Schwerpunktthema in den Markierungen.

Wir wünschen Ihnen viele Anregungen und natürlich auch Vergnügen mit der Lektüre.

In aller Ungewissheit, Ihre

Susanne Ehmer, Alice Gayed und Martin Johnsson

Inhaltsverzeichnis


Das Inhaltsverzeichnis 3.2012 „Ungewissheit“

Seite 4
Fritz Böhle
Nicht nur Bedrohung und Ohnmacht
Veränderungen  im Umgang  mit Ungewissheit

Seite 8
Kurz definiert

Seite 13
Dieter Dresselhaus im Gespräch mit Martin Johnsson
Ungewissheit  und strategisches  Management  im Mittelstand

Seite 19
Ruth Simsa
Non-Profit-Organisationen
Gebeutelte  Meister der Unsicherheitsbewältigung

Seite 25
Uwe Reeske im Gespräch mit Martin Johnsson
Ungewissheit
Eine dauernde  Herausforderung  in der Organisation sozialer  Arbeit

Seite 31
Gerhild Trübswasser im Gespräch mit Susanne Ehmer
Blindspace
Durch Reduktion  zu neuer Vielfalt,  zu neuen „Sicherheiten“

Seite 35
Alice Gayed
Politischer  Umbruch  und Begleitung  verunsichernder Prozesse

Seite 43
Cornelius Rinne
Nicht lineares  Denken  und Handeln
Was man von Künstlern  lernen kann

Seite 48
Literatur  zum Thema

 

Seite 50
Freier Beitrag
Heidi Kreulach
Metaphern  als erlebbarer  Zugang  zum Verständnis  von Rollen in Teams

Seite 58
Markierungen
August Heid
Ungewissheit

 

Rezensionen

Seite  60
Caterina Bartulin
Renate Haack-Wegner,  Klaus Helmken,  Anne Grotrian
Beratung  von Jugendlichen

Seite 62
Bernhard Lemaire
Arndt Ahlers-Niemann,  Edeltrud  Freitag-Becker
Netzwerke – Begegnungen  auf Zeit

supervision 3.2012
Ungewissheit

Stückpreis: 12,50 EUR
(inkl. 7,00% MwSt. und zzgl. Versandkosten)

Ausgabe 2.2012
Traumageschichte(n) – Herausforderung in jeder Hinsicht

Der Umgang mit traumatisierten Patienten stellt an Therapeuten und Berater besondere Anforderungen. In der Supervision muss das Thema „Trauma“ adäquat aufgegriffen werden – es ist das Schwerpunktthema der Ausgabe „Traumageschichte(n) – Herausforderung in jeder Hinsicht“.

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Anlass für die Wahl dieses Heftthemas waren sicher zunächst die nicht enden wollenden Berichte über sexuellen Missbrauch und andere Gewalttätigkeiten in pädagogischen und kirchlichen Organisationen – das, was uns alle in den letzten Jahren so aufwühlt hat und sich notwendigerweise als Anlass für persönliche Auseinandersetzungen gestellt hat. Die Thematik „Trauma“ bietet jedoch ein kaum fassbares breiteres Spektrum: Es geht um viele unterschiedliche furchtbare Ereignisse, welche Menschen in einer nahezu grenzenlosen Art und Weise erfassen und aus der Bahn werfen: Naturkatastrophen, Kriegsereignisse, Menschenhandel, Super-GAUs der Technik, Amokläufe, tragische Verkehrsunfälle, vielleicht mit Todesfolgen, Selbstmorde, z. B. von Eltern, die Kleinkinder miterleben müssen, aber auch sang-  und klangloses Verschwinden von oft einzigen Bezugspersonen, alle Formen der Gewalt und gewaltsamen Erniedrigungen, eben insbesondere der riesengroße Bereich der sexualisierten Gewalt.

Grenzenlosigkeit und kaum zu erreichende Fassbarkeit haben  – sicher auch zu verstehen als ein Spiegelbild der Thematik – bei der Erstellung dieses Heftes gewirkt: Es ist nahezu unmöglich, einen Überblick über die bereits unzähligen professionellen Unterstützungsformen und deren zum großen Teil wissenschaftlich begründete Basiskompetenzen zu geben. So war es selten bei der Hefterstellung so schwer wie bei diesem, engagierte Beiträge in ihrer Länge, Thematik und Begründung einzugrenzen bzw. auszuwählen. Gleichermaßen war es schwierig, bezogen auf diese Thematik dem Wissensstand der unterschiedlichen in diesem Bereich tätigen Professionen Rechnung zu tragen und gleichermaßen der Supervision selbst, die zwar als Reflexionsebene für die Angehörigen dieser Professionen fungiert, aber trotzdem in die Dynamiken der Thematik eintaucht. Als Vertreterinnen beider Bereiche haben wir als verantwortliche Redakteurinnen einen Ausgleich gesucht und zugleich in unserer Zusammenarbeit das Spannungsfeld zwischen beiden Bereichen erlebt:

Einerseits ging es der Sozialarbeiterin, Therapeutin, Wissenschaftlerin (Silke Birgitta Gahleitner) darum, innerhalb der einschlägigen Fächer und bezogen auf aktuelle Forschungen die Breite des Wissens zu Trauma (Traumatologie) zum Ausdruck zu bringen und damit auch die dort erreichten Fortschritte zu skizzieren. Gleichermaßen ist es ihr als Therapeutin ein ureigenes Anliegen, die vielen Aspekte der Lebensfähigkeit von schwer Traumatisierten als Basis für gute beratende, therapeutische und lebensweltlich integrierende Arbeit zu sehen. Für die Supervisorin (Angela Gotthardt-Lorenz) wiederum ist es von größter Wichtigkeit, basierend auf ihren Erfahrungen mit unterschiedlichen Supervisionsprojekten, insbesondere mit Teams von Einrichtungen, die mit schwer Traumatisierten arbeiten, genügend Raum zu lassen, um den Schrecken und die grenzenlose Unsagbarkeit spüren zu lassen und um gleichermaßen das, was sich als Folge in der Dynamik der Kooperationen und Teamauseinandersetzungen von Professionellen zeigt, vorsichtig und aufdeckend nachzuzeichnen. Wesentlich ist, hier immer wieder zu versuchen, in Distanz zu treten, immer wieder zu reflektieren, wie reflektiert wird, welche institutionellen und fachlichen Verständigungsstrukturen ermöglicht und wie erschwert werden, welche Handlungsperspektiven sinnvoll und stimmig erscheinen und welche Aktionen eher Ausdruck von abgewehrter Hilflosigkeit sind. Als Redakteurinnen haben wir viel voneinander gelernt und hoffen, wenn dieses Spektrum unserer Blickwinkel in diesem Heft aufscheint, dass es auch für die Leserinnen und Leser gut zu erfassen ist. Klar war uns beiden, dass ein emotional so schwerwiegendes Thema nicht nur über artikelgebundene Worte zu skizzieren ist; Bilder und Gedichte als andere Ausdrucksformen ergänzen die folgenden Beiträge.

David Becker zeigt in einer umfassenden geschichtsbetrachtenden Analyse des Wissensgebiets „Traumageschichten“ auf, in welcher Weise es „hier um ein umstrittenes Gebiet“ geht, „in welchem nicht nur wissenschaftsimmanente Konflikte, sondern auch breite soziale und politische Themen und Widersprüche eine wichtige Rolle spielen“. Silke B. Gahleitner führt in die jeweiligen verschiedenen Interventionsmöglichkeiten von Traumatherapie, -pädagogik und -beratung ein. Immer geht es darum, Traumabetroffene dabei zu unterstützen, trotz allem ein möglichst erfülltes Leben zu gestalten und ihre konstruktiven Kräfte zu nutzen. Gahleitner beschreibt ein für alle Bereiche relevantes Grundverständnis von Traumaentstehung und -bewältigung, wie es sich in der Fachwelt herauskristallisiert hat, und zeigt auf, wie dies in den unterschiedlichen Vorgehensweisen dann zu differenzieren ist.

Bezogen auf Supervision beschäftigt sich Helga Wemhöner unter dem Aspekt sekundärer Traumatisierung mit der Frage, in welcher Weise die Traumadynamik aus der Klientel der Supervisand/-innen die Supervision selbst bestimmen kann, und zeigt Aspekte des spezifischen supervisorischen Vorgehens auf, die diese spezielle Dynamik berücksichtigen. Die Frage, in welcher Weise Supervision den tagtäglichen Umgang mit schwer traumatisierten Kindern und Jugendlichen unterstützen kann, stellt Kornelia Steinhardt in einem Gruppeninterview an Fachkräfte einer Kinder-und Jugend-Psychiatrie-Station und erörtert zusammen mit ihnen deren Supervisionserfahrungen. Die schwierige Thematik, wie sich Supervisorinnen und Supervisoren in Organisationen bewegen können, wenn dort Fälle von sexuellen oder gewalttätigen Übergriffen vorliegen, beschäftigt Jan Bleckwedel, Katharina Witte und Eva Frank-Bleckwedel; sie entwerfen in ihrem Artikel die Forderung nach einer „differenzierten Parteilichkeit“. Angela Gotthardt-Lorenz hat die Kolleg/-innen Margot Scherl, Sonja Wohlatz und Siegfried Tatschl zu Werkstattberichten über Supervisionen eingeladen, die durch unterschiedliche Aspekten von Traumatisierung gekennzeichnet sind.

Zur aktuellen Beschäftigung mit dem Thema „Trauma“ präsentiert Barbara Tobler das Kunstprojekt „Narben“, Tanja Rode reflektiert als Veranstalterin – ihre supervisorische Profession nutzend – den Kongress zu „Indirekter Traumatisierung“, und Katharina Loerbroks und Silke Birgitta Gahleitner beschäftigen sich mit Inhalt und Reichweite der die Thematik des Heftes betreffenden „runden Tische“. Ergänzend werden drei thematisch relevante und aktuelle Publikationen besprochen.

Weiterführend enthält das Heft „Erlebte Literatur“ und Rezensionen. Besonders hingewiesen sei auf die Besprechung einer von einem Herausgeber dieser Zeitschrift vorgelegten Neuerscheinung: Winfried Münch, Tiefenhermeneutische Beratung und Supervision.

Wir würden uns freuen, wenn die unterschiedlichen Beiträge des Heftes zum Nachdenken und zur Fortsetzung des fachlichen Diskurses anregen.

Silke Birgitta Gahleitner
Angela Gotthardt-Lorenz

Inhaltsverzeichnis

Editorial

 

David Becker
Traumageschichte(n)

Silke Birgitta Gahleitner
Traumatherapie, Traumaberatung und Traumapädagogik

Helga Wemhöner
Sekundär Traumatisierte in der Supervision

Jan Bleckwedel, Katharina Witte, Eva Frank-Bleckwedel
Positionierung und Allparteilichkeit
Leitlinien für Beratung und Supervision in Fällen von ­sexuellen und gewalttätigen Übergriffen

Kornelia Steinhardt
Teamsupervision als Container für die Arbeit mit ­traumatisierten Kindern und Jugendlichen?
Ein Gespräch

Angela Gotthardt-Lorenz,
Margot Scherl, Sonja Wohlatz, Siegfried Tatschl
Werkstattberichte
Betreffende Erfahrungen – Einblicke in die ­Supervisionspraxis

Barbara Tobler
Kann Kunst heilen?

Tanja Rode
Kongress (17./18.06.2011) „Indirekte Traumatisierung …“ –
eine Reflexion aus supervisorischer Sicht einer Veranstalterin

Katharina Loerbroks, Silke Birgitta Gahleitner
Runde Tische und die Hoffnung auf Wiedergutmachung

 

Literatur zum Thema

Anne Weißleder
Wilma Weiß: Philipp sucht sein Ich

Franziska Grohl
Fachbereich Soziale ­Arbeit und Gesundheit Fachhochschule Frankfurt am Main (Hg.): Grenzverletzungen 

Jana Sabban
Bausum, Jacob/Besser, Lutz/Kühn, Martin/ Weiß, Wilma (Hg.): Traumapädagogik

 

Erlebte Literatur

Brigitte Scherer
Jonathan Franzen: Freiheit

 

Rezensionen

Andreas Nolten
Winfried Münch: Tiefenhermeneutische Beratung und ­Supervision 

Ruth Simsa
Rainer Zech: Handbuch Management in der ­Weiterbildung

supervision 2.2012
Traumageschichte(n)

Stückpreis: 12,50 EUR
(inkl. 7,00% MwSt. und zzgl. Versandkosten)

Ausgabe 1.2012
Erschöpft – Arbeit und Gesundheit im Konflikt

Burn-out, Erschöpfungszustände, Unzufriedenheit – die Arbeitswelt fordert Menschen in vielfältiger Weise. Wie können Gesundheit und Arbeit vereint werden? Wie können Beraterinnen und Berater diesen Prozess begleiten – zum Wohle des Menschen?

Themen sind u.a.:

  • Raubbau oder Rückzug?
  • Betriebliche Prävention von Burn-out
  • Kunst und Kunstfehler in der Beratung

Diese Ausgabe ist vergriffen.

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

„Hard to reach – Mitarbeiter auf dem Rückzug“ – so lautete das Thema einer Tagung von TOPS München-Berlin e.V. im Frühjahr vergangenen Jahres. Skizziert war damit eine Thematik, die in diesem Heft erweitert und vertieft werden soll. Die Organisationen, in denen wir arbeiten, stellen hohe Anforderungen an Zeit, Kraft und Engagement jedes Einzelnen. Nicht immer und nicht allen gelingt es, die Ziele, die die Organisation setzt, auch zu erreichen. Die Betroffenen werten das oft als persönliches Versagen – und die Umwelt unterstützt sie in dieser Auffassung. Wenn wir jedoch die Ziele mit großer Anstrengung erreichen, zahlen wir immer häufiger einen Preis dafür: Das Privatleben leidet, für Kollegialität reicht die Kraft nicht, die Selbstfürsorge bleibt auf der Strecke; nicht wenige werden krank. Manche haben keine Lust mehr und suchen nach ruhigeren Gewässern. Andere verweigern die Karriere, weil ihnen der Preis zu hoch erscheint.

In vielen beruflichen Feldern wird die Arbeit – von manchen eigentlich geliebt, von vielen eigentlich gern getan – allmählich zum Problem, werden Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbedingungen zur Last, die schwer zu tragen ist.

In diesem Heft ist eine Reihe von Beiträgen versammelt, die die Entstehung, die Merkmale und die Folgen dieser Last zum Thema machen. Wie produzieren Unternehmen und Einrichtungen die Überanstrengung ihrer Mitarbeiter/-innen? Wie sieht diese im Einzelnen aus – und welche Möglichkeiten gibt es, sie zu mindern? Ist Supervision für solche Problemlagen ein passendes Beratungsverfahren? Kann sie mit ihrem Ansatz der Selbstreflexion und des Verstehens hier eine Hilfe sein?

Zwei Beiträge stammen von Forschern und Forscherinnen: Das Thema Nick Kratzers und seiner Kollegen ist der Konflikt zwischen Arbeit und Gesundheit. In ihrem Beitrag beschreiben sie, wie moderne Unternehmen auf indirekte Weise die Leistung ihrer Mitarbeiter steuern. Sie diskutieren die Folgen, die diese Indirektheit für den Einzelnen hat – er ist nicht nur überlastet, sondern sieht sich selbst auch in der Verantwortung, seiner Überlastung Herr zu werden. Da ihnen die herkömmliche betriebliche Gesundheitsförderung von Ansatz her ungenügend erscheint, haben sie ein eigenes Modell entwickelt, das sie in ihrem Beitrag skizzieren.

Antje Ducki und ihre Kollegen dagegen stellen gerade diese betriebliche Gesundheitsförderung in den Mittelpunkt ihres Aufsatzes. Was kann die Organisation tun, um Erschöpfungszustände und Burn-out zu vermindern oder gar zu vermeiden? Welche Interventionen sind für welche Ausprägung der Erschöpfung angemessen, wann hat sich der Einsatz einzelner Instrumente bewährt, wann bedarf es struktureller oder kultureller Veränderung? Sie illustrieren die Darstellung mit einem Projektbericht – Burn-out-Prävention bei Vattenfall.

In zwei weiteren Beiträgen geht es um die Praxis der Supervision: Barbara Schneider ruft uns ins Bewusstsein, dass ein Erschöpfungszustand ein subjektives Empfinden ist und nicht ein dem Menschen irgendwie äußerlicher Tatbestand. Daran müssen wir uns erinnern, denn da Burn-out in aller Munde ist, wird dieser im Individuum entstandene und subjektiv erlebte Zustand allmählich zu einer Sache, die man „hat“. Es ist wichtig und ertragreich, darauf zu schauen, welche situativen und welche biografische Themen sich vielleicht hinter der allzu raschen Diagnose verbergen. Das Label „Burn-out“ verdeckt manchmal eher eine Problematik, als dass es sie verstehen hilft.

Mein eigener Beitrag (Cornelia Edding) ist ein Arbeits- und Erfahrungsbericht. Es werden Teams vorgestellt, die keine mehr sind, deren Bindung sich unter verschärftem Arbeitsdruck aufgelöst hat und die daher ihre Teamaufgaben nicht mehr erfüllen können. Angesichts der Vereinzelung werden vor allem zwei Fragen diskutiert: Was kann Supervision in einer Versammlung von Einzelkämpfern ausrichten, und welchen Sinn hat es überhaupt,  mit so einem Team zu arbeiten, wenn die Kontextbedingungen unverändert bleiben?

In den beiden Kurzbeiträgen von Monika Klinkhammer und Karl Schattenhofer geht es um Supervision und Selbstreflexion: Monika Klinkhammer plädiert für Supervision und Selbstreflexion als geeignete Mittel zur Unterstützung von Burn-out-Gefährdeten. Sie analysiert mögliche Wirkfaktoren dieser Beratungsform und skizziert den Prozess einer Bearbeitung von Erschöpfungszuständen.

Feedback zu geben kann ein Kunstfehler sein, so Karl Schattenhofer. Es gibt Situationen und Bedingungen, so seine These, in denen Feedback, das eigentlich Prozesse der Selbstreflexion und der persönlichen Entwicklung in Gang setzen und befördern soll, den Betroffenen eher schadet.

Die verantwortlichen Redakteure dieses Heftes, Cornelia ­Edding und Wolfgang Weigand, wünschen eine anregende ­Lektüre und sind für Rückmeldungen dankbar.


Inhaltsverzeichnis

Mitteilung der Herausgeber

Editorial

Nick Kratzer, Wolfgang Dunkel, Wolfgang Menz
Raubbau oder Rückzug?
Ursachen und Folgen der „systematischen Überlastung“ in Unternehmen

Antje Ducki, Andreas Uhlig, Jörg Felfe
Betriebliche Prävention von Burn-out
Beispiel Vattenfall Europe Sales

Monika Klinkhammer
Ausstieg aus der Tretmühle:
Selbstbesinnung und Selbstbestimmung durch Supervision

Barbara Schneider
Erschöpfungszustände und Burn-out –
Was verbirgt sich dahinter?

Karl Schattenhofer
Wie viel Reflexivität ist verträglich? –
Kunst und Kunstfehler in der Beratung

Cornelia Edding
Hard to reach – zur Supervision zerfallender Teams

Weiterführende Literatur zum Titelthema

 

Freier Beitrag

Winfried Münch
Lob des Widerstands?

 

Erlebter Film

Bernd Jansen
Lars von Trier: „Melancholia“
Vom falschen Glück, der Unausweichlichkeit des Todes und der Not der Beziehungen

 

Markierungen
Martin Zumeld

 

Rezension

Winfried Münch
Karlheinz A. Geißler: Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine

Volker Jörn Walpuski
Ralph Grossmann, Kurt Mayer (Hg.)
Organisations­entwicklung konkret

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